Eurovision Israel gewinnt den ESC – Deutschland auf Platz vier

Israel gewinnt den 63. Eurovision Song Contest dank Zuschauerstimmen. Deutschland kommt auf Platz vier – eine Überraschung nach den jüngsten Pleiten.
Update: 13.05.2018 - 08:15 Uhr Kommentieren
Die Sängerin Netta aus Israel freut sich nach dem Finale des 63. Eurovision Song Contests über ihren Sieg. Quelle: dpa
Eurovision Song Contest 2018

Die Sängerin Netta aus Israel freut sich nach dem Finale des 63. Eurovision Song Contests über ihren Sieg.

(Foto: dpa)

Lissabon Ende der Serie von Misserfolgen: Deutschland ist mit Michael Schulte beim Eurovision Song Contest überraschend auf dem vierten Platz gelandet. Den Sieg holte Israel mit der Sängerin Netta. Es ist der vierte Triumph Israels beim ESC - nach 1978, 1979 und 1998. Für Deutschland ist es die beste Platzierung seit Lenas Sieg vor acht Jahren. Zuvor gab es kein besseres deutsches Abschneiden in diesem Jahrtausend; 1999 war die Band Sürpriz („Reise nach Jerusalem - Kudüs'e seyahat“) Dritter geworden.

„Platz vier, oh mein Gott“, sagte der norddeutsche Sänger Schulte zufrieden und strahlend nach der Show zu Moderatorin Barbara Schöneberger im ARD-Fernsehen. „Das ist so verrückt.“ Die Fans bei der deutschen ESC-Party in Hamburg, zu der er per Video zugeschaltet war, jubelten ihm zu.

Der 28-Jährige bekam für seinen Song „You let me walk alone“, in dem es um den Tod seines Vaters geht, in der Nacht zum Sonntag von Jurys und Publikum aller Teilnehmerländer insgesamt 340 Punkte.

„Israel hat aktuell nicht viele Gründe glücklich zu sein – jetzt haben wir einen“

„Israel hat aktuell nicht viele Gründe glücklich zu sein – jetzt haben wir einen“

Die Siegerin Netta (25) aus Israel erhielt 529 Punkte. Ihr Lied „Toy“, das Korea-Pop, Hip-Hop und orientalische Elemente mit Stimmeffekten und Gacker-Klängen verbindet, ist durchaus politisch in Zeiten der #MeToo-Debatte. Die Botschaft an junge Frauen: Nehmt Euch an, so wie Ihr seid und seid stolz auf Euch selbst. Ihr seid nicht das Spielzeug (toy) von Männern.

Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu gratulierte zu ihrem Sieg. „Netta, Du bist ein echter Schatz“, twitterte er. „Du hast dem Staat Israel viel Ehre eingebracht! Nächstes Jahr in Jerusalem!“ Damit machte Netanjahu klar, dass der Wettbewerb 2019 voraussichtlich in der Stadt stattfinden wird, die Israel als seine Hauptstadt beansprucht. Dies ist allerdings international umstritten.

Netanjahu rief Netta Barzilai nach ihrem Sieg in Lissabon auch an, um ihr zu gratulieren. Er sagte der Sängerin, sie sei „Israels beste Botschafterin“.

Für Deutschland beendete Michael Schulte äußerst klar die Niederlagenserie der vergangenen drei Jahre, als immer nur letzte Plätze oder der vorletzte Platz herauskamen. Die Bundesrepublik hat bisher zweimal beim ESC gesiegt: mit Lena 2010 und dem Song „Satellite“ sowie mit Nicole 1982 und dem Lied „Ein bißchen Frieden“.

Beim Finale des 63. ESC konkurrierten 26 Kompositionen. Zum vierten Mal war auch Australien als Ehrengast dabei, weil es dort so viele ESC-Fans gibt. Hinter Israel landete auf Platz zwei Zypern (Eleni Foureira mit „Fuego“), vor Österreich (Cesár Sampson mit „Nobody But You“), Deutschland und Italien (Ermal Meta & Fabrizio Moro mit „Non mi avete fatto niente“).

Beim Auftritt der britischen Kandidatin SuRie stürmte ein Störer die Bühne und entriss der Sängerin das Mikrofon, er wurde von Sicherheitsleuten weggebracht. Die souverän weitersingende SuRie lehnte eine Wiederholung ihres Auftritts ab. Sie kam am Schluss auf Rang 24.

Mit dem ESC-Sieg ist kein Geld, sondern nur eine Trophäe für die Komponisten verbunden - außerdem die Austragung der Veranstaltung im Folgejahr. Insgesamt nahmen am Song Contest in diesem Jahr 43 Länder teil, so viele wie zuletzt beim ESC in Düsseldorf vor sieben Jahren.

17 der 43 Teilnehmer 2018 wurden in den beiden Semifinals (Halbfinals) am Dienstag und Donnerstag aussortiert, darunter auch Russland, die Schweiz und Belgien. Deutschland ist als großer Geldgeber jeweils automatisch für das Finale gesetzt, ebenso Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien. Auch der Gastgeber, also diesmal Portugal, muss sich nicht qualifizieren.

Musikalisch wurde auch dieses Jahr wieder ein breites Spektrum geboten. Von Rock über Hip-Hop bis typischen Schmachtballaden war vieles dabei.

Um einen nochmaligen Sieg kämpfte zum Beispiel Alexander Rybak, der bereits 2009 den Wettbewerb für Norwegen gewann: Sein Ohrwurm „That's how you write a song“ kam diesmal aber nur auf Platz 15.

Das wohl eindrucksvollste Kostüm trug Elina Nechayeva für Estland, die ihr Opernstück „La forza“ in einem 53-Quadratmeter-Hightech-Kleid vortrug, auf das Lichteffekte projiziert wurden - es reichte für Platz 8.

Die Finnin Saara Aalto ließ sich bei ihrem sogenannten Epic-Love-Pop-Song „Monsters“ auf einer Drehscheibe auch kopfüber umherwirbeln (Platz 25). Im französischen Beitrag vom Duo Madame Monsieur ging es um ein Flüchtlingsschicksal (Platz 13) und im italienischen Beitrag von Eral Meta & Fabrizio Moro um Terroropfer (Rang 5).

Die Zuschauer konnten wie immer über den Sieger mit abstimmen, jedoch nicht für die eigene Nation. Ihr Voting wurde ergänzt von nationalen Jurys. In diesem Jahr war die komplizierte und vielen als kultig geltende Punkteverkündung von Jurys und Publikum bereits zum dritten Mal getrennt voneinander. Sie dauerte rund 40 Minuten.

Die Jury-Punkte aus Deutschland gab Barbara Schöneberger bekannt. Sie war live von der ESC-Party auf der Hamburger Reeperbahn zugeschaltet. Die Höchstwertung der deutschen Juroren - zwölf Punkte - ging an Schweden, das am Ende Platz 7 belegte.

In der Jury waren diesmal die zweimalige Grand-Prix-Teilnehmerin Mary Roos (69, „Nur die Liebe lässt uns leben“/„Aufrecht geh'n“), die Sänger Max Giesinger (29) und Mike Singer (18), die Songschreiberin Lotte (22) sowie der Revolverheld-Manager Sascha Stadler (45).

Für die deutschen TV-Zuschauer kommentierte zum 21. Mal der inzwischen 70-jährige Peter Urban die Übertragung im Ersten der ARD.

In Lissabons Altice-Arena hingegen moderierten vier Frauen: Daniela Ruah, Filomena Cautela, Sílvia Alberto und Catarina Furtado.

Im vergangenen Jahr hatte der Portugiese Salvador Sobral mit dem stillen Lied „Amar pelos dois“ gewonnen und so den Grand Prix in sein Heimatland geholt. Sobral, der im Dezember ein neues Herz transplantiert bekommen hat, trat als Pausen-Act zusammen mit der brasilianischen Musiklegende Caetano Veloso auf. Der Auftritt gehörte zu den emotionalen Höhepunkten der großen Musikshow, die laut Veranstalter EBU (European Broadcasting Union/Europäische Rundfunkunion) jährlich weltweit etwa 200 Millionen TV-Zuschauer verfolgen. Den ESC gibt es seit 1956.

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