Evangelischer Kirchentag im Zeichen der Krise
Kirchentag endet mit Ruf nach Solidarität

Stärkung für den Glauben und Kursbestimmung in der Krise: Der 32. Deutsche Evangelische Kirchentag in Bremen endet mit dem Ruf nach Solidarität und Gerechtigkeit und dem Wunsch nach mehr Ökumene.

dpa BREMEN. Dies erklärten die Organisatoren in einer Bilanz am Samstag. Der Kirchentag habe auf gesellschaftliche und politische Konsequenzen aus der Wirtschaftskrise gepocht und zugleich den Einzelnen ermutigt, sich tatkräftig für die Zukunft einzusetzen. "Es war kein kämpferischer, sondern ein nachdenklicher Kirchentag", sagte Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär. 100 000 Dauergäste waren zu dem fünftägigen Christentreffen gekommen, das am Sonntag mit einem zentralen Abschlussgottesdienst zu Ende geht.

"Die Zeit klarer Fronten ist vorbei", meinte Ueberschär. "Nicht wer laut ruft erreicht Veränderung, sondern wer beharrlich und unaufgeregt daran arbeitet", sagte Ueberschär. In überfüllten Gottesdiensten hätten Menschen Vergewisserung gesucht und ihren Glauben gelebt. Der Zuspruch bei Debatten zu Theologie und Ethik habe gezeigt, dass wesentliche Fragen wichtiger würden in der Gesellschaft. Fragen des Glaubens hätten auf dem Kirchentag ein großes Publikum bewegt, sagte Kirchentagspräsidentin Karin von Welck.

Zu seinem 60-jährigen Jubiläum stand der Kirchentag unter dem Motto "Mensch wo bist Du?" Dies müsse nun übersetzt werden in die Frage "Mensch, was kann ich tun?", so Welck. Beim Kirchentagsbesuch pochten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Frank- Walter Steinmeier (SPD) darauf, die Grundwerte Freiheit und Menschenwürde zu verteidigen. Bundespräsident Horst Köhler rief dazu auf, sich für eine solidarische und gerechte Welt einzusetzen. "Jeder kann seinen Beitrag leisten, die Welt ein bisschen besser zu machen."

Zum ersten Mal in der 60-jährigen Kirchentags-Geschichte diskutierten am Samstag Christen, Muslime und Juden in einem offiziellen "Trialog"-Forum über gemeinsame Weltverantwortung. Bei der Diskussion zum Thema "Sitzen wir alle im gleichen Boot?" waren sich alle Teilnehmer darin einig, dass gegenseitige Toleranz und Gleichrangigkeit der Religionen Grundlage des Miteinanders sein müssen. Der Trialog sei unverzichtbar angesichts der Weltprobleme und könne nur als langer Prozess erfolgreich sein.

In Bremen wurde auch mehr Ökumene eingefordert. Einen Boykott des Zweiten Ökumenischen Kirchentags 2010 in München drohte der evangelische Pfarrer und Friedenspreisträger Friedrich Schorlemmer an. Er werde nicht kommen, wenn es dort nicht "ein Zeichen eucharistischer Gastbereitschaft" gebe. Wie der evangelische Präsident des Ökumenischen Kirchentages, Eckhard Nagel, am Samstag sagte, seien "erkennbare Symbole" nötig, die den Zweiten Ökumenischen Kirchentag zu einem Fortschritt machten. "Es sind Schritte notwendig, die den Prozess deutlich machen", sagte der leitende Theologe der bremischen Evangelischen Kirche, Reinke Brahms, "das muss nicht gleich das Abendmahl sein."

Unter dem Titel "Wer hat die Macht im Staat?" beschäftigten sich am Samstag Experten mit der Frage, welchen Einfluss Volksproteste und Lobbygruppen auf die Politik ausüben. "Revolutionen sind wie Naturgewalten", sagte der polnische Publizist Adam Krzeminski mit Blick auf den Mauerfall 1989. "Sie haben eine eigene Dynamik und bahnen sich unaufhaltsam ihren Weg." Bei den Montagsdemonstrationen hätte er erlebt, wie damals Hunderttausende Menschen aus Unzufriedenheit mit dem Ist-Zustand auf die Straßen gegangen sind: "Sie wussten, wogegen sie sind. Aber sie wussten nicht, wohin die Reise gehen sollte."

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