Expertengespräch
Piraterie: „Langsame Schiffe sind besonders gefährdet“

Die Zahl der Überfälle auf Schiffe vor der Küste Somalias steigt. Der Hauptgeschäftsführer des Verbandes Deutscher Reeder, Hans-Heinrich Nöll, erläutert die Gründe und erklärt, welche Schiffe besonders häufig gekapert werden.

Handelsblatt: Somalische Piraten kapern ein Schiff nach dem anderen - woran liegt das?

Hans-Heinrich Nöll: Die Hauptursache liegt in dem Land selbst. Somalia ist ein so genannter zerfallener Staat - ein Staat also, der seine grundlegendsten Funktionen nicht mehr erfüllen kann. Es gibt dort keine Polizeigewalt, aber viele Clans und Banden, die Piraterie als Einnahmequelle entdecken. Die Tatsache, dass bereits viele Schiffe gekapert werden konnten, lädt zum Nachahmen ein und spornt die Täter an, weiterzumachen.

Wie laufen die Schiffsentführungen in der Regel ab?

Von Mutterschiffen, die aussehen wie ganz normale Fischerboote, werden Schnellboote mit Piraten an Bord zum Entern fremder Schiffe ausgesendet. Besonders gefährdet sind langsame Schiffe und solche, die tief im Wasser liegen. Die Täter klettern an Bord - je nach Art ihrer Bewaffnung wehrt sich die Mannschaft zum Beispiel mit Hilfe von Feuerwehrschläuchen oder verbarrikadiert sich.

Wie sind die wirtschaftlichen Auswirkungen der Überfälle?

Die Versicherungen für die Schiffe werden teurer. Unter Umständen wird auch die Besatzung teurer - ich hörte von Fällen, in denen die doppelte Bezahlung verlangt wurde. Wie weit das in den Welthandel eingreift, ist derzeit unklar. Das hängt davon ab, ob Schiffe in Zukunft vermehrt um Afrika herumfahren müssen. Die Fahrzeit kann sich so um mehrere Wochen erhöhen, was die Kosten für die Beförderung der Waren natürlich erhöht. Momentan kommen die Kosten noch nicht beim Verbraucher an.

Was müsste ihrer Ansicht nach geschehen, damit sich die Lage verbessert?

Die Sicherheit der Schiffe muss gewährleistet werden. Das Seerechtsabkommen der Vereinten Nationen sieht vor, dass die Staaten bei der Bekämpfung von Piraterie mithelfen. Wir haben daher die Bundesregierung gebeten, der deutschen Marine ein Mandat zu erteilen, sodass sie im Rahmen einer geplanten EU-Mission gegen die Piraten vorgehen kann. Denn bisher ist die Marine nur befugt, in Notfällen einzugreifen.

Das Gespräch führte Tanja Könemann

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