Expertenurteil

Haftstrafe für Seismologen ist „krasses Fehlurteil“

Viele Wissenschaftler sind empört: Das italienische Urteil, nach dem Experten wegen angeblich ungenügender Warnungen vor dem Erdbeben 2009 in Haft sollen, sei eine krasse Fehlentscheidung, so ein Experte.
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Das stark zerstörten Dorf Onna, nahe der italienischen Stadt L'Aquila auf einem Foto von 2009. Quelle: dpa

Das stark zerstörten Dorf Onna, nahe der italienischen Stadt L'Aquila auf einem Foto von 2009.

(Foto: dpa)

Hannover/L'AquilaScharfe Kritik an der Verurteilung von Seismologen nach einem Erdbeben in Italien kommt von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). „Ich halte das für ein krasses Fehlurteil“, erklärte der Experte Christian Bönnemann, der Leiter des Seismologischen Zentralobservatoriums der BGR am Dienstag in Hannover. „Die Wissenschaft ist nicht in der Lage, Erdbeben vorherzusagen. Möglicherweise wird das auch nie gelingen.“

Zuverlässige Aussagen seien nur über die prinzipielle Gefährdung eines Gebietes möglich, so Bönnemann. „Nachweislich gibt es keine Anzeichen, mit denen man den Zeitpunkt eines schweren Erdbebens sicher vorhersagen kann.“

Sollte das Urteil von L'Aquila nicht in der nächsten Instanz aufgehoben oder zumindest drastisch reduziert werden, so befürchtet Bönnemann gravierende Folgen für alle öffentlichen Aussagen von Erdbebenforschern. „Seismologen müssten dann extrem vorsichtig sein und auch bei jedem Verdacht vor einem möglicherweise bevorstehenden Beben warnen“, erklärte Bönnemann. „Die Folge wäre, dass dann niemand mehr die vielen Warnungen ernst nehmen würde.“

Dreieinhalb Jahre nach einem schweren Beben mit mehr als 300 Toten im April 2009 hatte ein Gericht in L'Aquila am Montag sieben Experten wegen angeblich ungenügender Warnungen vor den Erdstößen zu jeweils sechs Jahren Haft verurteilt. Die Wissenschaftler und Zivilschutzbeamten hätten die Bevölkerung nur „ungenau, unvollständig und widersprüchlich“ über die Gefahren informiert, lautete die Anklage.

Die Gefahr eines Bebens in der Region um L'Aquila sei zudem schon lange bekannt gewesen, erklärte Bönnemann. „L'Aquila liegt in einer stark erdbebengefährdeten Zone mit entsprechenden strengen Bauvorschriften.“

Auch aus der Schweiz gab es Kritik. „Wir werden in Zukunft noch vorsichtiger kommunizieren müssen“, sagte am Dienstag der Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes, Stefan Wiemer. Die italienischen Kollegen hätten wissenschaftlich gesehen alles richtig gemacht.

Sogenannte Schwarmbeben, wie sie 2009 in der Region von L'Aquila auftraten, könnten zwar gelegentlich Vorboten größerer Beben sein, erläuterte er. Jedoch sei dies bei weniger als einem Prozent der Fall. Deshalb, sagte Wiemer, sei der Schweizerische Erdbebendienst in einer nach der Katastrophe von L'Aquila erstellten Studie zu dem Schluss gekommen, dass eine „Schwarmbeben-Aktivität nicht zu einer allgemeinen Evakuierung führen sollte“.

  • dpa
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13 Kommentare zu "Expertenurteil: Haftstrafe für Seismologen ist „krasses Fehlurteil“"

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  • Interessant, kann man das auch für Ökonomen erreichen?
    *duck* :)

  • Lang lebe das Gericht in L'Aquila!

  • Mit diesem Urteil zeigt sich Italien von seiner guten, alten Seite: impulsiv, naiv, mafiös. Die Opfer sind diesmal ebend Wissenschalftler.

  • Hätten mal besser den Papst dafür haftbar machen sollen! Der hat zumindest den Draht nach ganz oben und trägt die komplette Verantwortung, auch für das Erdbeben, natürlich!

  • Super!

  • @Lebemann:
    Natürlich kann die Wissenschaft Erdbeben vorhersagen. Sie kann lediglich nicht den genauen Zeitpunkt vorhersagen. Aber mit einer Genauigkeit von einigen hundert oder einigen tausend Jahren geht's schon.
    Aber auch das Epizentrum und die Schwere des Bebens lassen sich nicht vorhersagen.
    Das ist halt wie mit den Verkehrsunfällen oder Flugzeugabstürzen: die kann man auch vorhersagen; bloß nicht, wen genau es wann, wo und wie heftig trifft.

    Sie sollten übrigens auch noch mitteilen, ob Ihr Beitrag ironisch gemeint ist, ob Sie provozieren wollen oder ob Sie einfach dumm sind!

  • Wenn man sich die Fotos nach dem L'Aquila Erdbeben anguckt, muss man einfach feststellen: Nach Standards für 6er Erdbeben leben die Italiener in steinzeitlichen Hütten aus Knochen und Holzästen.

  • Ich fand das Urteil auch komisch. Soweit mir bekannt ist Italien ein Erdbebengebiet. Entsprechend müssten/sollten Baubehörden auch entsprechende Bauvorschriften erlassen, deren Umsetzung überwachen, und ggf. auch die Nutzung von Gebäuden untersagen (Bauvorschriften greifen bei Altbauten nicht wirklich). Wenn bei dem L'Aquila Erdbeben soviel zerstört wurde und Leute gestorben sind, dann liegt das v.a. an der ungeeigneten Bausubstanz.

    Es gibt heftigere Erdbebengebiete in der zivilisierten Welt, die durch erdbeben-gerechten Bau die Schaden an Menschen besser in den Griff bekommen (z.B. Japan, Taiwan). Wenn man konsequent abreißt klappt es dann auch. Ich habe es noch nie erlebt, "vor" dem Eintritt eines Erdbeben eine Warnung rausging, zumindestens nie mit soviel Vorlaufzeit, dass man es bis zur Zimmertür schafft. Vorwarnung zum Zwecke einer Evakuierung ist "praktisch" eine Illusion. Das Gebäude muss einfach halten. Das einzige wo Vorwarnung helfen kann ist die automatische Abschaltung/Herunterfahren von Infrastruktur (z.B. U-Bahnen, Kraftwerke, usw.), wo selbst 1 Sekunde lead schlimmeres verhindern "kann".

    Es ist ja nicht das erste 6er Erdbeben in der Geschichte von Italien. Wenn die Italiener daraus nicht lernen und anders bauen, Wissenschaftler als Sündenböcke suchen, dann machen sie sich die Italiener nur selbst lächerlich.

  • Aussagen von diesem Schlag errinnern mich irgendwie an "80er-Jahre-Shareholder-Value-Phrasenschwein-mit-Pomade-Look"-Leute...

    Es gibt nunmal Menschen die weder Begriffe wie "Innovation" und "Wissenschaft" verstehen, und schon garnicht wo da der Unterschied liegt. Ich schliesse micht Ockhams_Rasiermesser an: Sau peinliche Aussagen von Lebemann.

  • In quasi jedem schlechten (oder guten) Katastrophenfilm läuft es doch so: Die Anzeichen sind zwar für einzelne Wissenschaftler relativ deutlich, doch die verantwortlichen Politiker lassen sich aus wirtschaftlichen Zwängen oder politischen Interessen nicht zu einer Evakuierung hinreißen.

    Wie extrem dieses Urteil jetzt diesem fiktionalen Zustand verstärkt, mag man sich gar nicht ausmalen wollen. Jetzt wird wohl bei jedem kleinsten Rumoren gleich die Katastrophe proklamiert, nur um sich vor eventuellen juristischen Konsequenzen zu schützen, was bei den verantwortlichen Legislativ- und Exekutivkräften dann wahrscheinlich tatsächlich zu den oben beschriebenen Verhalten führt.

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