Extremismus-Studie alarmiert
Münchner Synagoge eröffnet

Zum 68. Jahrestag der so genannten Reichsprogromnacht, in der die Nationalsozialisten 1938, überall in Deutschland jüdische Synagogen und Geschäfte anzündeten zerstörten. wurde die neue Münchner Hauptsynagoge eröffnet. Zahlreiche Politiker mahnten die Deutschen zu Toleranz und Achtung vor anderen Religionen.

HB MÜNCHEN/BERLIN. Mit eindringlichen Appellen für ein entschiedenes Eintreten gegen jede Form von Extremismus und Antisemitismus ist die neue Münchner Hauptsynagoge eröffnet worden. „Die Verpflichtung jedes einzelnen von uns ist es, sich einzumischen und zu handeln, um zu verhindern, dass Menschen wegen ihrer Religion, ihrer Herkunft oder ihres Aussehens beleidigt, verletzt oder gar ermordet werden“, sagte Bundespräsident Horst Köhler am Donnerstag bei dem Festakt mit 1200 geladenen Gästen. Alarmiert reagierten Politiker von SPD, Grünen und Linksfraktion unterdessen auf eine Studie im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, wonach etwa jeder vierte Deutsche rechtsextremen und ausländerfeindlichen Aussagen zustimme.

Köhler sagte bei Synagogen-Eröffnung, das Wissen um die Verbrechen der Nationalsozialisten und den Holocaust reiche allein nicht aus. „Wir müssen die Lehren daraus - für heute und für alle Zeit - wach halten.“ Und es müsse dafür gesorgt werden, dass junge Menschen im Alltag erleben, welch hohes Gut Toleranz, Demokratie und Menschenrechte sind.“ Der Bundespräsident nannte es schmerzlich, dass die Zahl rechtsextremistischer Gewalttaten in Deutschland steige. Er ermahnte: „Projekte und Initiativen gegen Extremismus und Gewalt müssen langfristig und kontinuierlich unterstützt statt nur sporadisch gefördert werden.“

Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sagte bei dem Münchner Festakt: „Wir müssen alles daran setzen, dass rechtsradikale Demagogen und Holocaust- Leugner bei uns in Deutschland nie wieder Gehör finden.“ Niemand dürfe in Deutschland zu rechtsradikalen und antisemitischen Tendenzen schweigen.

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sagte in einem Interview, im Kampf gegen Rechtsradikalismus und Antisemitismus müssten möglichst viele Menschen an einem Strang ziehen. „Das ist nicht nur ein jüdisches Thema.“

Beim Münchner Festakt hob Knobloch hervor, dass die Eröffnung der Synagoge bewusst auf den 9. November gelegt worden sei - den 68. Jahrestag der so genannten Reichspogromnacht von 1938. Damals hatten die Nationalsozialisten die Synagogen in Deutschland angezündet und jüdische Geschäfte verwüstet. „Jene Nacht ist uns und den künftigen Generationen Mahnung und Auftrag“, sagte Knobloch. „Das ist die Botschaft des 9. November 2006: Wir Juden sind wieder Teil dieses Landes, unseres Landes.“

Die Synagoge „Ohel Jakob“ (hebräisch: Zelt Jakobs) ist Mittelpunkt des rund 71 Mill. Euro teuren Ensembles in der Altstadt, zu dem auch ein Gemeindezentrum und ein Jüdisches Museum gehören. Die beiden anderen Gebäude sollen in den kommenden Monaten eröffnet werden. Als Symbol für die Stärke der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland würdigte der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Edgar Bronfman, die neue Münchner Synagoge. Die deutsche Nazivergangenheit dürfe nicht in Vergessenheit geraten, sagte der Ratsvorsitzende des Jüdischen Weltkongresses, Israel Singer. Jüdisches Leben müsse mehr und mehr zur Normalität gehören.

Zu der Extremismus-Studie sagte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD), Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Verachtung und Ablehnung von Demokratie reichten „weit bis in die Mitte dieser Gesellschaft hinein“. Die Wähler rechtsextremer Parteien dürfen nicht verharmlosend als Protestwähler bezeichnet werden, forderte Thierse im rbb-Rundfunk.

Ulla Jelpke, innenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, sagte mit Blick auf Union und SPD: „Landauf, landab reden Politiker davon, man müsse die Zuwanderung in die sozialen Sicherungssysteme verhindern. Dann muss man sich nicht wundern, wenn fast 40 Prozent der Bundesbürger meinen, dass Ausländer nur nach Deutschland kämen, um den Sozialstaat auszunutzen.“ Grünen-Expertin Monika Lazar sagte: „Den Prototyp eines ostdeutschen, männlichen, jungen Neonazis, der mit den Jahren aus seinen Einstellungen herauswächst, gibt es nicht. Wir selbst müssen aktiv gegen die gefährliche Entwicklung in unserer Gesellschaft vorgehen, wenn sie sich nicht ausweiten soll.“

Die Bundesregierung will unterdessen energischer gegen den Rechtsextremismus in Ostdeutschland vorgehen. Innen- und Familienministerium verständigten sich mit den neuen Ländern einschließlich Berlins und den Kommunen auf die Einsetzung einer Koordinierungsgruppe. Sie soll alle laufenden und geplanten Maßnahmen zur Bekämpfung des Rechtsextremismus begleiten, Doppelarbeit vermeiden und Handlungslücken aufzeigen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%