Extremkälte
„Ein Bier lutschen“ in Moskau

Die Bewohner Moskaus nehmen den Kälteeinbruch in der russischen Metropole erstaunlich gelassen. Selbst Ultranationalist Wladimir Schirinowski, eigentlich nicht für besonderen Wagemut bekannt, taucht nur mit Unterhose bekleidet im Moskwa-Fluss unter.

HB MOSKAU. Die Autos streiken, die ersten Heizrohre platzen, doch für manche Lebenskünstler ist der Moskauer Extremfrost ein Jungbrunnen: Bei Temperaturen von minus 31 Grad nahmen in der Nacht zum Donnerstag tausende Wagemutige ein Sekundenbad in mühsam freigeschlagenen Eislöchern. Das dreimalige Untertauchen am orthodoxen Feiertag der Taufe Christi soll dem Gläubigen das ganze Jahr Gesundheit bringen.

Etwa 8 000 Menschen, die in einer Moskauer Vorstadt nach einer Panne des Heizkraftwerkes in ausgekühlten Wohnungen ausharren mussten, riskierten dagegen unfreiwillig eine Lungenentzündung. Wenn das Thermometer 30 Grad minus anzeigt, wird selbst das Atmen zum Abenteuer. Mit jedem Zug durch die Nase frieren die Nasenflügel leicht zusammen. Doch schon beim Ausatmen der körperwarmen Luft öffnet sich die Nase wieder. Der Frost kneift in jeden Quadratzentimeter Haut, der nicht mit Mütze, Schal oder Handschuhen bedeckt ist. Ab 40 Grad Frost bekommt der Fußgänger auch mit den Augen Probleme. Die warmen Tränen lassen die Lider so zusammenkleben, als ob man die Augen mit Honig eingeschmiert hätte.

Zu den ersten „Extremsportlern“, die zum orthodoxen Tauffest um Mitternacht im Moskauer Westen in ein Loch des Moskwa-Flusses steigen, gehört auch der Ultranationalist Wladimir Schirinowski. „Pojechali (Auf geht's)“, brüllt der 59-jährige Vizeparlamentschef, ehe er sich in Unterhose über eine Trittleiter ins Wasser wagt. Nach einmaligem Untertauchen hat Russlands gefürchtetster Sprücheklopfer aber schon genug. In Windeseile hechtet Schirinowski wieder an Land, um das Erlebte gleich in einen weltpolitischen Kontext einzuordnen. „Nur die Russen können so mit der Natur verschmelzen. Deshalb werden uns Amerikaner und Westeuropäer auch nie verstehen“, tönt Schirinowski, ehe er sich seine Pelzjacke überwirft und mit einer Limousine in die dunkle Nacht verschwindet.

Noch bis Ende Januar soll der Extremfrost im europäischen Teil Russlands andauern. Weniger als das Ausmaß der Kälte beunruhigt die Experten die Dauer der arktischen Zustände in Moskau. Die Stromversorgung könne unter diesen Extremzuständen nicht über eine beliebig lange Zeit aufrechterhalten werden, teilte der nationale Stromkonzern EES Rossii mit. Eine Reihe von Umspannwerken arbeite bereits am äußersten Rand der Kapazität. Einigen Betrieben, Baustellen und Bekleidungsmärkten wird bereits der Strom abgedreht, um die allgemeine Versorgung zu sichern. Moskaus Taxifahrer haben sich hingegen schnell auf die gestiegene Nachfrage eingerichtet. „Die Fahrt mit meiner Tochter zum Kindergarten kostete heute Morgen fast doppelt so viel wie gestern“, schimpft eine junge Frau, deren eigenes Auto bereits am Wochenanfang vor der Kälte kapituliert hatte. Auch die Scherzbolde haben schon einen passenden Spruch parat. „Komm, wir gehen in den Park ein Bier lutschen“, lautet in diesen Tagen ein besonders cooler Spruch in Moskau.

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