Fährunglück vor Südkorea
113 Tote, 190 Vermisste und kaum noch Hoffnung

Noch suchen Taucher im Wrack der gesunkenen Fähre „Sewol“ vor der Küste Südkoreas nach Opfern. Die Hoffnung auf Überlebende schwindet. Stattdessen wollen viele Angehörige Gewissheit – und fordern sie von der Politik ein.
  • 0

SeoulKnapp eine Woche nach dem Fährunglück vor der Küste Südkoreas sind in der Stadt Ansan einige der dabei ums Leben gekommenen Schüler beerdigt worden. Rund 250 der mehr als 300 Toten und Vermissten gingen dort auf eine Mittelschule und waren zu einem Ausflug auf die Insel Jeju unterwegs, als die Fähre unterging. Bis Dienstag wurden 113 Leichen aus dem Schiff gezogen, 190 weitere Personen wurden noch im Inneren des Wracks vermutet – insgesamt befanden sich 476 Menschen an Bord.

Um die gesunkene Fähre lagen Trawler mit Fangnetzen im Meer, um zu verhindern, dass eventuell Leichen aus dem Schiff von der Strömung mitgerissen werden. Insgesamt seien fast 240 Boote und Schiffe an der Bergungsaktion beteiligt, berichtete der Rundfunksender KBS. Das Wrack liege bis zu 20 Meter unter Wasser. Mitarbeiter der Küstenwache trugen eine geborgene Leiche nach der anderen von einem Boot zu einem am Dock aufgeschlagenen Zelt auf der Insel Jindo. Dutzende Beamte sperrten die Gegend weiträumig ab.

Familien harren dort seit Tagen aus, viele hoffen längst nicht mehr auf ein Wunder, sondern wollen lediglich Gewissheit und ihre Angehörigen beisetzen. Für mehr als zehn Schüler gab es in Ansan nahe Seoul am Dienstag eine Trauerfeier, in dem Ort wurde zudem an einem vorläufigen Denkmal für die Opfer der Katastrophe gearbeitet.

Einige Eltern veröffentlichten eine Erklärung, in der sie um mehr Hilfe der Regierung bei den Rettungsarbeiten baten und die bisherige Reaktion auf das Unglück scharf verurteilten.

Die Wut und Verzweiflung der Angehörigen richtet sich vor allem auch gegen den Kapitän der „Sewol“. Er wurde mit zwei weiteren Crewmitgliedern unter dem Verdacht verhaftet, fahrlässig gehandelt und die Passagiere an Bord zurückgelassen zu haben. Sechs weitere Besatzungsmitglieder wurden am Montag und Dienstag festgenommen. Präsidentin Park Geun Hye warf dem Kapitän und Teilen seiner Crew mörderisches Fehlverhalten vor. Sie hätten das Schiff nicht evakuiert, hätten sich selbst zuerst gerettet. Zudem wartete der Kapitän, nachdem das Schiff in Schieflage geraten war, eine halbe Stunde, bis er die Evakuierung anordnete. Danach konnten 174 Menschen an Bord gerettet werden, darunter der Kapitän und die meisten der anderen 28 Besatzungsmitglieder.

Der Kapitän begründete sein Zaudern mit dem kalten Wetter und starker Strömung, die Passagiere vor ihrer Rettung fortgetrieben hätte. Doch Schifffahrtsexperten hielten dagegen, dass er die Fahrgäste auch ans Deck hätte beordern können, wo sie eine größere Überlebenschance gehabt hätten.

Warum es überhaupt zu dem Unglück kam, ist nach wie vor ungeklärt. Noch undurchsichtiger wurde es durch die Aussage eines Vertreters des Meeres- und Fischereiministeriums, der anhand neuer Daten erklärte, die havarierte Fähre habe vor ihrem Kentern doch keine scharfe Wende vollführt – wie ursprünglich vom Ministerium berichtet. Das war als möglicher Grund für das Unglück angesehen worden.

Warum das Schiff aber überhaupt den Kurs änderte, war ebenfalls unklar. Staatsanwalt Ahn Song Don kündigte eine Reihe von Simulationen an. Mögliche Ursachen könnten auch der Wind, die Strömungen oder auch Veränderungen am Schiff gewesen sein. Zum Zeitpunkt war eine mittlerweile ebenfalls verhaftete, relativ unerfahrene Offizierin am Steuer. Zudem wurde aus dem veröffentlichten Funkverkehr deutlich, dass für die Rettung wichtige Minuten durch Unentschlossenheit und Missverständnisse verstrichen. Es ist größte Schiffskatastrophe in Südkorea seit mehr als 20 Jahren. Der Untergang einer überladenen Fähre vor der Westküste im Oktober 1993 hatte 292 Menschenleben gefordert.

Die Wut der Angehörigen über die Geschehnisse war begleitet von Szenen der fassungslosen Trauer in den Leichenzelten auf Jindo - eines für Frauen und eines für Männer. Die Angehörigen warteten draußen und ließen sich von einem Beamten einweisen, reihten sich auf und gingen dann hinein. Erst herrscht Stille, dann ist schmerzgeplagtes Weinen und Schluchzen zu hören. „Wie kann ich ohne dich weiterleben?“, schreit eine Mutter auf. „Bringt mir meine Tochter zurück!“

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Fährunglück vor Südkorea: 113 Tote, 190 Vermisste und kaum noch Hoffnung"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%