Fährunglück vor Südkorea
Kapitän der „Sewol“ verhaftet

Am Wrack der gekenterten „Sewol“ werden die Bergungsarbeiten fortgesetzt. Doch die Chancen, Überlebende zu finden, schwinden mit jeder Stunde. Der Kapitän des Schiffes sitzt derweil in U-Haft.
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SeoulDer Kapitän der havarierten südkoreanischen Fähre „Sewol“ ist wegen Fahrlässigkeit und anderer Vorwürfe verhaftet worden. Das Gericht in der südlichen Stadt Mokpo erließ am Samstagmorgen (Ortszeit) außerdem Haftbefehl gegen zwei weitere Besatzungsmitglieder. Die Dritte Offizierin, die die havarierte südkoreanische Fähre „Sewol“ zum Unglückszeitpunkt steuerte, hat die schwierige Strecke nach Medienberichten zum ersten Mal befahren. Vor der Unglücksfahrt am Mittwoch habe die 26-Jährige noch nie ein Schiff durch die Gewässer gesteuert, die für ihre starken Strömungen berüchtigt sind, berichtete der staatliche Sender Arirang am Samstag unter Berufung auf die Ermittler. Der Ort der Havarie liegt auf einer Route, die an einer Kette von vielen kleinen Inseln vorbeiführt. Drei Tage nach dem Untergang der Fähre wurden die junge Frau und der Kapitän sowie der Steuermann unter anderem wegen des Vorwurfs der Fahrlässigkeit verhaftet. Drei Tage nach dem Untergang des Schiffs vor der Südwestküste Südkoreas setzten Rettungsmannschaften die Suche nach Überlebenden unter den rund 270 vermissten Insassen fort.

Die Staatsanwaltschaft beschuldige den 68-jährigen Kapitän Lee Jun Seok unter anderem auch, gegen die Dienstpflichten und das Seerecht verstoßen zu haben, berichtete die nationale Nachrichtenagentur Yonhap. Das Ermittlungsteam hatte am Freitag mitgeteilt, dass die Fähre zum Unglückszeitpunkt nicht vom Kapitän, sondern von einer wenig erfahrenen Offizierin gesteuert worden. Auch wird ihm vorgeworfen, das sinkende Schiff im Stich gelassen zu haben.

Die Auto- und Personenfähre war am Mittwoch in Seenot geraten und dann innerhalb von drei Stunden fast vollständig gesunken. Nach den jüngsten Angaben der Behörden waren 476 Menschen an Bord, 325 von ihnen waren Schüler auf dem Weg zu einem Ausflug. Bis zum Samstagvormittag (Ortszeit) wurden die Leichen von 29 Insassen rund um die Fähre aus dem Wasser gezogen. 174 Menschen wurden gerettet.

Wie es zu der Katastrophe kam, ist noch ungeklärt. Das Unglück ereignete sich nach den ersten Untersuchungen an einer Stelle, an der das Schiff einen Kurswechsel vorgenommen hatte. Nach Angaben des Leiters des Ermittlungsteams, Park Jae Uhk, muss noch geklärt werden, ob es „eine normale Richtungsänderung war oder eine Kursänderung infolge von unnormalen Begleitumständen“.

Das Verhalten des Kapitäns und der Crew wurde schon unmittelbar nach dem Untergang stark kritisiert. Überlebende berichteten, der Kapitän habe das Schiff als einer der ersten verlassen. Zudem war den Passagieren zunächst über Lautsprecher mitgeteilt worden, sich nicht zu rühren - da war das Schiff bereits in starke Seitenlage geraten.

Der inhaftierte Kapitän der havarierten südkoreanischen Fähre „Sewol“ hat einen Evakuierungsbefehl nach eigener Darstellung aus Sicherheitsgründen hinausgezögert. Die Strömung sei zum Unglückszeitpunkt sehr stark gewesen, sagte der Kapitän am Samstag nach einer Vorführung vor dem Gericht in Mokpo vor Journalisten. Die Insassen hätten fortgerissen werden können. Zunächst seien noch keine Rettungsboote eingetroffen.

Auch in der Nacht zum Samstag versuchten Taucher trotz widriger Wetterverhältnisse und starker Gezeitenströmung weiter, ins Innere des Wracks vorzudringen. Auch wurde Luft in das gesunkene Schiff gepumpt. Damit es nicht weiter absackt, waren an dem Wrack große Hebesäcke befestigt worden. In der Nacht hätten Taucher erstmals Leichen im gesunkenen Wrack gesehen, berichtete der Rundfunksender KBS. Allerdings sei es nicht möglich gewesen, die drei Körper in einer Kabine zu erreichen. Hinweise auf Überlebende unter den rund 270 vermissten Insassen gab es bislang nicht. Für die Taucher ist es wegen der starken Strömungen schwierig, ins Innere des Wracks vor der Südwestküste Südkoreas vorzudringen.

Vor allem Angehörige der Vermissten hoffen nach wie vor, dass Überlebende gefunden werden. Einige der Passagiere könnten Experten zufolge den Untergang zunächst in einer Luftblase überlebt haben. Allerdings sei es angesichts der niedrigen Wassertemperatur und des schwindenden Sauerstoffs schwierig, darin mehr als zwei Tage zu überleben.

In Seoul und anderen Städten des Landes sollte es am Samstag gemeinsame Gebetsveranstaltungen und Nachtwachen für die Vermissten und zum Gedenken an die Toten des Schiffsunglücks geben.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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