Fahrradsaison 2005
Fahrradindustrie verkauft das Radeln neu

Deutschlands Fahrradbranche leidet unter der Konsumflaute, die Umsätze sinken. Super- und Discountmärkte à la Aldi ziehen mit Billigangeboten von Fachhandel und etablierten Herstellern Kundschaft ab. Technische Revolutionen wie Scheibenbremse und Federgabel sind durch. Und aktuelle Innovationen haben nicht das Potenzial früherer Erfindungen.

HB DÜSSELDORF. Die großen Hersteller und ihre Zulieferer haben deshalb kurzerhand das Radeln selbst zum Trend erklärt und zahlreiche Produkte drum herum entwickelt. 2005 sei "der Spaß am Fahrradfahren“ wichtig, sagt Alexandra Kirsch vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) in Bremen.

In diese Entwicklung passt auch ein Produkt des japanischen Komponentenbauers Shimano. Beim sogenannten Smover-System legt ein Bordcomputer automatisch den richtigen Gang ein und regelt je nach Untergrund die Härte der Federung – nur treten und lenken muss der Radfahrer selbst. ADFC-Expertin Kirsch nennt das Radfahren pur. Schon mehrere Hersteller wie Trek, Winora und Kettler bieten Smover-Räder an. Der Vorstandsvorsitzende der börsennotierten Mifa AG, Peter Wicht, zeigt sich allerdings skeptisch, was den Erfolg von Smover angeht. Er sei nicht sicher, ob sich das am Markt durchsetzen wird.

Im Trend liegen dieses Jahr auf jeden Fall Räder für die "Generation 50 plus“. Beim "EZB Revive“ des taiwanesischen Branchenriesen Giant zum Beispiel kann der Fahrer mit beiden Füßen den Boden berühren, ohne vom Sattel steigen zu müssen. Durch die aufrechte Sitzposition überspannt er seinen Nacken nicht und belastet kaum die Handgelenke.

"Das ist ein völlig neuer Ansatz, das Radfahren anzugehen“, sagt Oliver Hensche, Marketingchef von Giant in Deutschland. Früher habe man ein ganz normales Fahrrad genommen, irgendein Komfortteil dran geschraubt und fertig sei das "Generation-50-plus"-Rad gewesen. Heute müsse man sich da schon mehr einfallen lassen. In den Augen des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV) sind die über 50-Jährigen eine wichtige Zielgruppe: Sie verfügten über viel Geld, seien aktiver als frühere "50-plus"-Generationen und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wachse, sagt ZIV-Geschäftsführer Rolf Lemberg.

Einen Hit landet derzeit offenbar der nordrhein-westfälische Reifenhersteller Ralf Bohle GmbH mit dem Ballonreifen "Big Apple“. Laut ADFC-Expertin Kirsch haben mittlerweile etwa 60 Fahrradhersteller Räder mit den extrabreiten Reifen im Angebot, die aufwändige Feder- und Dämpfungssysteme in Rahmen und Gabel weitgehend überflüssig machen. Der hohe Rollwiderstand, den Ballonreifen früher hatten, sei bei den modernen Nachfolgern kein Thema mehr, versichert der Hersteller.

Einen Trend hin zur Reisetauglichkeit sieht Alexandra Kirsch vom ADFC in der Belebung des Trekkingrades, das zuletzt ein Schattendasein neben dem Mountainbike führte. Gegenüber reinen Geländerädern sitzt der Fahrer hier aufrechter im Sattel. Außerdem haben die Räder gewöhnlich eine komplette Straßenausstattung mit Schutzblechen, Beleuchtung und Gepäckträger.

Mehr und mehr Vielfalt gibt es jetzt bei Rennrädern. Während es schon seit Jahren im Mountainbike-Bereich spezielle Räder fürs Bergabfahren (Downhill) und andere Einsatzgebiete gibt, hatten Rennradler weniger Wahlmöglichkeiten. Jetzt bietet beispielsweise Giant spezielle Räder für den Wochenendausflug an, bei denen dem Fahrer auch nach zwei Tagen im Sattel nicht alles weh tut, und Räder für Sprinter mit wenig Komfort. Andere brauchen wiederum ein Gerät, dass extrem leicht ist und mit dem man gut "Bergetappen“ nehmen kann. Auch so etwas haben die Hersteller im Angebot.

Zumindest Giant-Marketingleiter Hensche sieht nun für den deutschen Fahrradmarkt die Talsohle bald erreicht. Dieses Jahr gehe es noch abwärts, nächstes Jahr werde der Absatz dann stagnieren. Und ab 2007 rechnet er wieder mit steigenden Umsätzen. ZIV-Geschäftsführer Lemberg traut sich derzeit nicht, eine solche Prognose abzugeben. Wann die Konsumflaute aufgebrochen werden kann, sei völlig unklar. Die Auffassung vertritt auch Mifa-Chef Wicht. Das Fahrradgeschäft sei schließlich sehr stark konjunkturabhängig, sagt er. Allerdings, wenn der Ölpreis weiter steigt – was zahlreiche Experten je erwarten – dann kann das dem Mifa-Vorstandschef zufolge der Fahrradbranche auch einen unerwarteten Schub geben.

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