Feature zum Eurovisions-Wettbewerb
„Hello Serbia, Europe calling“

Wer sagt, dass es beim Eurovisions-Wettbewerb um Lieder geht? Die wahre Bedeutung liegt in den politischen Beziehungen der Länder.

Wer durch Belgrad streift, spürt schnell den Geist, der durch die Stadt weht. Zerbombte Gebäude aus dem Kosovo-Krieg werden bewusst nicht renoviert. Die zerfetzten Fassaden dienen als Dauer-Anklage an die Gegner im Kosovo-Krieg. Der grau-braune Ton der meisten Gebäude in der Stadt wirkt düster und depressiv. Serbien, das ewige Opfer, das über die Jahrhunderte nicht gemocht und von seinen Nachbarn verraten wurde.

Halt! Seit Samstagabend ist alles anders. Denn da hat eine freche 22-jährige Sängerin den Eurovisions-Wettbewerb gewonnen. Völlig egal, ob es das beste Lied war. Entscheidend ist, dass die Serbin überraschend die meisten Stimmen bekam – aus ganz Europa. Da mag die „Bild“-Zeitung jetzt noch so sehr zusammen mit vielen schmollenden Westeuropäern, die auf den letzten Plätzen landeten, über die „Stimmen-Mafia“ der Osteuropäer wettern.

Tatsächlich ist es ein Segen für ganz Europa, dass Serbien gewonnen hat. Denn die Stimmen kamen von überall her. Die Botschaft war klar: „He, ihr seid doch gar nicht so übel.“ Zumal auch noch die „Erbfeinde“ Kroatien und Bosnien für das serbische Lied stimmten. Das hat im zuneigungs-gierigen Belgrad wahre Emotionswellen ausgelöst. Das Ergebnis wurde sogar mitten in eine erhitzte Parlamentsdebatte in Belgrad hinein gemeldet. Und die Sängerin Marija Serifovic wurde am Montag bei ihrer Rückkehr von 30 000 begeisterten Fans begrüßt…Manchmal wirken Lieder mehr als Verträge.

Und das war nicht die einzige politische Sensation dieses Grand-Prix. Denn gleich mehrfach spuckte der Zentralrechner der Eurovisions-Sendung in Köln politisch überaus erfreuliche Ergebnisse aus. So gingen die meisten Stimmen aus der Türkei ausgerechnet an – richtig, Armenien! Und trotz politischer Spannungen gaben sich Balten und Russen erstaunlich viele Stimmen.

Übrigens: Vor zwei Jahren gewann die wilde „Roslana“ aus der Ukraine, alle Augen in der GUS-Republik wanderten westwärts – und kurz danach erlebte das Land eine „orangene Revolution“ ...

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