Finanzkrise
Wie die Krise US-Familien zu schaffen macht

Tief abgerutscht sind die beiden Familien von Stephanie und Jessica. Sie leben in dem Örtchen Luray in Virginia in einem Motel, einem „Budget Inn“. Nach einem Jahr Krise ist nichts mehr sicher.

LURAY/VIRGINIA. Stephanie Burkek hat sich einen hellgrauen Plastikstuhl vor die Tür zu ihrem Zimmer mit der Nummer 112 gestellt. Und in dem hat sie es sich gemütlich gemacht. Dort sitzt sie und betrachtet, was auf dem Parkplatz direkt vor ihr so passiert. Sommerlich warm ist es an diesem Freitag. Der dreijährige Sohn Andrew flitzt mit einem Bobbycar zwischen den parkenden Autos herum. Und immer wieder kommt ihre Cousine Jessica vorbei, setzt sich auf den anderen Plastikstuhl und dann reden sie ein paar Worte miteinander. Oder sie schauen einfach nur auf den Parkplatz und ihre Kinder.

Doch schön und beschaulich ist dieses Leben ganz und gar nicht. Denn Stephanie und Jessica leben in dem Örtchen Luray in Virginia in einem Motel, einem „Budget Inn“. Stephanie, ihr Mann Arthur und die beiden Kinder Andrew und Sean seit Dezember, Jessica, Larry und Söhnchen McKayle seit ein paar Wochen. Jede Familie eingezwängt in ein karges Motelzimmer der untersten Kategorie, mit zwei Betten, einer Minibar als Kühlschrank, Elektroplatten als Herd, einer Mikrowelle, einem Fernseher. 600 Dollar zahlen sie dafür pro Monat. Wenn man keine Arbeit hat ist das zwar immer noch eine Menge. Aber es ist weniger als sie für ihre Appartements im Nachbarort Stanley hinlegen mussten. Dort flogen sie aus ihren Wohnungen, weil sie die Rechnungen für Strom, Gas und Wasser nicht mehr bezahlen konnten. „Die Nebenkosten sind hier alle mit drin“, sagt Stephanie. Tatsächlich kümmert es die Betreiber des Budget Inn nicht, wie viel Strom oder Wasser verbraucht wird. So lange am Monatsende die 600 Dollar auf dem Tisch liegen.

Leben in einem abgewohnten Motel: Tief abgerutscht sind die beiden Familien von Stephanie und Jessica. Und am Ende des ersten vollen Krisenjahres in den USA ist das nicht mehr die Ausnahme, es ist die Regel. Wer in der sozialen Hierarchie schon vorher ziemlich weit unten war, der landet jetzt schnell im Keller. Und wer bisher noch zum Mittelstand gehörte, der kann sich plötzlich in der Unterklasse wiederfinden. Ohne Job, ohne finanzielle Reserven und ohne nennenswertes soziales Auffangnetz ist man in den USA oft nur einen Schritt entfernt von einer steilen Talfahrt.

Noch versteckt sich der Niedergang hinter Moteltüren, in den Baracken der Jobcenter und an den Ausgabeschaltern von Essens- und Kleiderstationen karitativer Organisationen. Doch wer an der Fassade nur etwas kratzt, der kann selbst in so einem netten Örtchen wie Luray das Elend besichtigen. 17 Prozent hoch ist die Arbeitslosenrate in Page County, dem Bezirk von Luray. 17 Prozent in einer Gegend am Fuße der Shenandoah-Berge, die, wenn gar nichts ging, am Ende bislang immer auf die Touristen als Wirtschaftsfaktor setzen konnte. Doch die kommen nur noch spärlich und wollen weder die einmaligen Tropfsteinhöhlen besichtigen noch in den Restaurants ihr Geld lassen. „Das hier ist das Schlimmste, was ich je in meinem Leben gesehen habe“, sagt Bürgermeister Barry Presgraves. Der 66-Jährige weiß, wovon er spricht, denn er hat sein ganzes Leben in Page County verbracht. „Noch nie ist es in den USA so bergab gegangen“.

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