Flüchtlinge im Queer-Club
„Weißt Du, was schwul heißt?“

Es folgen heftige Avancen

Bei der Grabscherei an der Bar bleibt es an dem Abend nicht. Einige Besucher erzählen von heftigen Avancen, sie drücken Männer weg, die sie gegen ihren Willen antanzen. Andere starren zu Boden, diskutieren die Situation, verlassen die Party frühzeitig.

Auch wenn sich manche die Laune nicht verderben lassen und mit den Überraschungsgästen feiern, denn längst nicht alle verhalten sich übergriffig, die Katerstimmung will auch Tage später nicht weichen. Die Szenen bringen die Kölner Silvesternacht wieder ins Bewusstsein.

Sie lassen einen rätseln, ob das zusammenpassen kann: Menschen, die aus Ländern stammen, in denen Homosexualität noch unter Strafe steht und Vertreter einer urbanen Subkultur, die solche Zeiten endlich hinter sich haben. Ob solche Abende Einzelfälle sind, oder der Preis für Integration.

Fremd. So empfinden sich viele der Stammgäste ohnehin viel zu oft. Nun erleben sie das Gefühl auch noch in einem ihrer wenigen Schutzräume. Doch was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn Menschen sich schützen wollen, nur weil sie sich vom heteronormativen Durchschnitt unterscheiden?

Sie treffen sich regelmäßig in diesem kleinen Kellerclub, weil sie auf die Hohlköpfe in konventionellen Discos verzichten können, die sie anmachen, anstarren, anpöbeln. Die Get Rid-Party ist eine der wenigen Veranstaltungen in München, wo Schwule, Lesben, Transsexuelle, im Prinzip alle, die von der Norm abweichen, frei und ungezwungen feiern können.

Queer, das bedeutet, Menschen nicht in Schubladen zu schieben. Wer sich so bezeichnet, definiert sich weder über seine sexuelle Orientierung, noch seine Geschlechtszugehörigkeit oder sein Aussehen. In dem Umfeld ist ein respektvoller Umgang wichtig, gerade mit Menschen, die wie Flüchtlinge Erfahrungen als Außenseiter gemacht haben. Die ihre Heimat wegen Krieg und Verfolgung verlassen mussten. Ihre aufdringlichen Blicke überfordern an dem Abend viele. Diese Ambivalenz macht ihn für einige zur Tragödie.

Das zeigt die Diskussion, die sich Tage nach der Feier auf einer öffentlichen Facebook-Seite entfaltet. Eine Nutzerin schreibt: „Ich fühle mich verarscht, ich möchte diese Daueranspannung nicht erleben. Menschen zu helfen, sich ein Stück freier zu fühlen, darf nicht so weit führen, dass andere sich weniger frei fühlen können“. Eine andere Nutzerin erklärt: „Ich bin als lesbische transsexuelle Frau eine Minderheit in der Minderheit. Ich brauche nicht nur Schutz vor den Avancen der Männer, sondern auch die Befreiung davon, mich entweder tarnen oder rechtfertigen zu müssen.“

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