Flüchtlinge im Queer-Club
„Weißt Du, was schwul heißt?“

In einem Club feiert die Münchener LGBT-Gemeinde. Die Stimmung ist gut, bis eine Gruppe Flüchtlinge dazukommt und manche die Gäste belästigen. Ein Beispiel, wie schwer Miteinander sein kann. Und wie man Lösungen findet.

MünchenLehrerin Hannah Sommer steht an der Kasse des Sunny Red, einem kleinen Nachtclub im Münchener Süden und kann nicht glauben, was sie sieht. Ein junger und ziemlich betrunkener Mann bedrängt eine ihrer Schülerinnen. Er ist einer von etwa 20 bis 30 Flüchtlingen und deren Freunden. Ein Kulturbegleiter der Stadt hat sie auf die queere Party im Club mitgebracht. Das Ziel: Die Flüchtlinge aus der Unterkunft nebenan mit Subkulturen in Kontakt zu bringen.

Als habe es die Ironie so gewollt, lehnen die Schülerin und der Betrunkene am Tresen einer Bar, über der zwei Plakate hängen. Auf einem steht „Refugees Welcome“ auf dem anderen „Belästigung hat keinen Platz bei uns“. Plötzlich fasst er der jungen Frau in den Schritt. Sommer schreitet ein. Sie schiebt sich zwischen beide, drückt den Mann fort. Zuvor habe er auch Sommer „vollgelabert“, sei ihr näher gekommen, als sie wollte, habe ihre höfliche aber bestimmte Abwehr ignoriert.

Menschen ohne ihre Einwilligung zu berühren, in ihren persönlichen Raum einzudringen, das kostet Sommer Überwindung. Ihr ist es wichtig, die Grenzen von Menschen, ihre Intimsphäre, zu achten. Schon bevor die 46-jährige Gymnasiallehrerin und Sozialarbeiterin eingreift, schießen ihr „tausende Gedanken“ in den Kopf. „Egal wie ich handle, ich werde in jedem Fall etwas falsch machen“, sagt sie sich. Schon beim Abstempeln waren ihr die Verletzungen an den Armen einiger Geflüchteter aufgefallen. Sie sah Narben längs der Pulsadern, Spuren der Verzweiflung.

Sommer, eine der Veranstalterinnen des „Get Rid“, einer schwul-lesbischen Partyreihe im Sunny Red, würde lieber reden statt schubsen. Gerade wenn es um Menschen geht, die genau wie viele ihrer Gäste mit Diskriminierung zu tun haben. Doch die wenigsten der Flüchtlinge sprechen Englisch und der Mann am Tresen ist so alkoholisiert, dass ein Gespräch schwer möglich ist.

Außerdem will sie die Selbstbestimmung der volljährigen Frau wahren, die sich eigenständig verteidigen könnte. Doch die Schülerin zögert, will den jungen Mann offenbar schützen, schildert Sommer die Situation später. Schließlich dürfte er schlimme Dinge auf der Flucht erlebt haben. „Wäre das ein betrunkener Oktoberfestbesucher, meine Schülerin hätte die Manschetten viel eher abgestreift“, meint Sommer.

Es folgen heftige Avancen

Bei der Grabscherei an der Bar bleibt es an dem Abend nicht. Einige Besucher erzählen von heftigen Avancen, sie drücken Männer weg, die sie gegen ihren Willen antanzen. Andere starren zu Boden, diskutieren die Situation, verlassen die Party frühzeitig.

Auch wenn sich manche die Laune nicht verderben lassen und mit den Überraschungsgästen feiern, denn längst nicht alle verhalten sich übergriffig, die Katerstimmung will auch Tage später nicht weichen. Die Szenen bringen die Kölner Silvesternacht wieder ins Bewusstsein.

Sie lassen einen rätseln, ob das zusammenpassen kann: Menschen, die aus Ländern stammen, in denen Homosexualität noch unter Strafe steht und Vertreter einer urbanen Subkultur, die solche Zeiten endlich hinter sich haben. Ob solche Abende Einzelfälle sind, oder der Preis für Integration.

Fremd. So empfinden sich viele der Stammgäste ohnehin viel zu oft. Nun erleben sie das Gefühl auch noch in einem ihrer wenigen Schutzräume. Doch was sagt es über unsere Gesellschaft aus, wenn Menschen sich schützen wollen, nur weil sie sich vom heteronormativen Durchschnitt unterscheiden?

Sie treffen sich regelmäßig in diesem kleinen Kellerclub, weil sie auf die Hohlköpfe in konventionellen Discos verzichten können, die sie anmachen, anstarren, anpöbeln. Die Get Rid-Party ist eine der wenigen Veranstaltungen in München, wo Schwule, Lesben, Transsexuelle, im Prinzip alle, die von der Norm abweichen, frei und ungezwungen feiern können.

Queer, das bedeutet, Menschen nicht in Schubladen zu schieben. Wer sich so bezeichnet, definiert sich weder über seine sexuelle Orientierung, noch seine Geschlechtszugehörigkeit oder sein Aussehen. In dem Umfeld ist ein respektvoller Umgang wichtig, gerade mit Menschen, die wie Flüchtlinge Erfahrungen als Außenseiter gemacht haben. Die ihre Heimat wegen Krieg und Verfolgung verlassen mussten. Ihre aufdringlichen Blicke überfordern an dem Abend viele. Diese Ambivalenz macht ihn für einige zur Tragödie.

Das zeigt die Diskussion, die sich Tage nach der Feier auf einer öffentlichen Facebook-Seite entfaltet. Eine Nutzerin schreibt: „Ich fühle mich verarscht, ich möchte diese Daueranspannung nicht erleben. Menschen zu helfen, sich ein Stück freier zu fühlen, darf nicht so weit führen, dass andere sich weniger frei fühlen können“. Eine andere Nutzerin erklärt: „Ich bin als lesbische transsexuelle Frau eine Minderheit in der Minderheit. Ich brauche nicht nur Schutz vor den Avancen der Männer, sondern auch die Befreiung davon, mich entweder tarnen oder rechtfertigen zu müssen.“

Bei der AfD reibt man sich die Hände

Der Clubabend an dem manches gut, aber vieles schlecht lief, ist gut ein Jahr her. Hannah Sommer beschäftigt er noch immer. An einem Montag Nachmittag im Februar 2017 steht sie wieder vor dem Sunny Red, Schneeflocken verfangen sich in ihrer Mütze.

Sie öffnet die Tür, führt durch die Räumlichkeiten. Graffiti klebt an den Wänden. Sie zeigt auf die „Schminkecke“, „hier haben Flüchtlinge und Gäste einander Rouge und Lippenstift ins Gesicht gemalt, es gab auch viele sehr schöne Momente“, sagt sie.

Sie erinnert sich, wie junge Burschen mit Wimpertusche und Nagellack in Handykameras strahlten. Belustigt, aber nicht höhnisch. Es wurde auch gemeinsam getanzt und gelacht, erzählen andere Partygäste. Für eine Besucherin war es eine der „besten Feste seit langem“, für einen Geflüchteten gar „der schönste Tag seines Lebens“.  

Und doch verließen viele Gäste die Feier mit Wut im Bauch. Zurück am Eingang bleibt Sommer stehen. „Hier habe ich kassiert“, sagt sie. Als eine Gruppe von etwa zehn Flüchtlingen eintröpfelte, später wurden es mehr, sei ihr schon klar gewesen, dass es Probleme geben könnten. Sie dachte, der Kulturbegleiter hätte ihnen erklärt, was sie erwarte.

Doch erst an der Kasse verständigte man sich mit Händen und Füßen, „you know what gay is?“ Viele wussten es offenbar nicht und staunten, als sie Frauen sahen, die Frauen küssten. Sommer kann die Verärgerung der Stammgäste verstehen. „Doch was hätte ich tun sollen, Menschen aussieben, weil sie nicht von hier sind, weil sie nicht wissen, was ‚queer’ ist?“

Das „Conne Island“ ein politisch linker Club in Leipzig stockte im Frühjahr 2016 sein Sicherheitspersonal nach sexuellen Übergriffen Geflüchteter auf. Auf ihrer Website schreiben die Veranstalter „die stark autoritär und patriarchal geprägte Sozialisation in einigen Herkunftsländern und die Freizügigkeit der westlichen Feier-Kultur bilden bei uns mitunter eine explosive Mischung.“ Eine Steilvorlage für Menschen, die von der Angst anderer leben. Bei der AfD in Sachsen rieb man sich die Hände. „Leipziger Linksextremisten ‚hetzen’ gegen Flüchtlinge, erklärte ein Landtagsabgeordneter der Partei ebenfalls auf Facebook.

LGBT ist kein Mobilfunkstandard

Auch Julia Fuhrmann, eine Münchener Filmstudentin, fühlte sich an dem Abend im Münchener Club unwohl. Doch wesentlich schlimmer findet sie, dass Sexismus nur in Zusammenhang mit Flüchtlingen zur Nachricht werde. „Wer wissen will, wie homophob und mitunter auch frauenverachtend unsere Gesellschaft ist, kann das in jedem beliebigen Heteroclub erleben.“

Oder sich die Verrohung in Sozialen Netzwerken ansehen, meint Paula-Irene Villa, Professorin für Geschlechterforschung und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Frauen und Homosexuelle würden dort massiv beleidigt oder bedroht.

Villa geht selbst gern auf queere Veranstaltungen, weil ihr die „Ungezwungenheit und Aufmerksamkeit füreinander“ gefällt, wie sie sagt. Sicher gebe es auch übergriffige Geflüchtete. Dass Migranten die sexuelle Vielfalt oder die Selbstbestimmtheit von Frauen in Deutschland gefährden könnten, sieht sie allerdings nicht.

„Sexismus ist statistisch sowohl ein Problem von Geflüchteten als auch von Deutschen“, so Villa. Mehr Sorgen bereite ihr die latente Homophobie in der bürgerlichen Mitte und in der Politik. Noch immer versage Deutschland Homosexuellen die vollständige Gleichstellung in Ehe und Adoption, noch immer gelte „schwul“ als Schimpfwort, die Selbstmord- und Depressionsraten unter queeren Jugendlichen seien weiter hoch.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigt, dass rund 41 Prozent der Befragten ein Problem damit hätten, liebte der eigene Sohn Männer. „Und schauen sie in die USA“, sagt Villa, „ein Mann der sagt, man könne Frauen einfach so in den Schritt greifen, wurde dort zum Präsidenten gewählt. Und zwar nicht obwohl, sondern gerade weil er das sagt.“ 

Als Wissenschaftlerin weiß sie, dass die überwältigende Mehrheit der Deutschen davon überzeugt ist, es gebe nur zwei Geschlechter, Mann und Frau. Was Transgender sind – Menschen deren biologisches nicht mir ihrem gefühlten Geschlecht übereinstimmt – wüssten die wenigsten. Sie gelten im besten Fall als Exoten, im schlimmsten als Freaks, die man verhöhnen, bespucken oder verprügeln kann. Und nein. LGBT ist kein Mobilfunkstandard.

Auch Nichtflüchtlinge stören die Queerparty

Ignoranz, Vorurteile, Grenzüberschreitung, das kennen die Clubbesucher seit langem. Das Sunny Red befindet sich auf einem Partyareal, es verirren sich auch Feierwütige anderer Discos dorthin. Manche gaffen, wenn sie nicht erkennen, ob eine Frau oder ein Mann vor ihnen steht.

Andere beleidigen die Gäste. „Schwulenwichser, abnormale Kreaturen“, solche Dinge, meint Sommer. Einmal drehten sie im Get Rid deswegen die Musik ab und das Licht auf. Wir baten die betrunkenen Pöbler zu gehen, sagt sie.

Was die Situation an dem Abend vor einem Jahr so schwierig macht, sind die Hemmungen, das Unbehagen, weil die Übergriffe von Verfolgten kommen. Die Auseinandersetzung mit der Frage, wie man auf Grenzüberschreitungen von Menschen reagiert, denen die volle Empathie gilt, weil sie womöglich traumatisiert sind und ebenfalls um Existenzräume kämpfen.

Eine Club-Besucherin resümiert auf Facebook: Die einzige Lösung ihr eigenes Schutzbedürfnis zu wahren, hätte bedeutet, „die jungen Männer nicht rein zu lassen. Und ich hätte dann mit dieser Entscheidung leben müssen, mich für Diskriminierung entschieden zu haben“.

Das Kollektiv von Get Rid wählte einen anderen Weg. Sie luden die Gäste zu einem Treffen, moderiert von einer Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Geschlechterforschung und diskutierten den Abend und das weitere Vorgehen. Die Erkenntnis: Einen Schutzraum könne man nicht garantieren. Türsteher und Gesichtskontrollen würden die Idee von Get Rid zerstören. „Wir wollen lieber miteinander kommunizieren und füreinander achtsam sein, sagt Sommer“.

Melanie Jilg, Dokumentarfilmerin und ebenfalls Partygast, meint: „Manchmal muss man seine Komfortzone verlassen und Reibung aushalten. Aus Auseinandersetzung kann etwas völlig Neues, etwas Besseres, entstehen. Das bedeutet aber nicht, dass man Übergriffe duldet.“ Sommer zieht die Tür zum Club zu und stapft die Treppen hoch. Der Schnee knirscht unter ihren Stiefeln. Sie sagt: „Wir können die Welt nicht leichter machen als sie ist. Zu uns kann weiter jeder kommen. Wer seine Mitmenschen nicht respektiert, der fliegt. Ob Deutscher oder Flüchtling“. 

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