
HB SUKKUR. In Pakistan droht der seit Wochen unter Überschwemmungen leidenden Bevölkerung der Ausbruch von Seuchen. Das Hilfswerk Malteser International teilte am Freitag mit, im Nordwesten des Landes sei der erste Fall von Cholera festgestellt worden. Ein Mitarbeiter eines Krankenhauses in der Stadt Mingora, der namentlich nicht genannt werden wollte, bestätigte dies. Bei sechs weiteren Patienten besteht nach Angaben des Malteser Hilfswerks der Verdacht, dass sie sich mit der schweren Krankheit infiziert haben. Die Vereinten Nationen (UN) erklärten zudem, es gebe 36 000 Verdachtsfälle einer schweren, zum Teil tödlich verlaufenden Durchfallerkrankung. Die ohnehin mühsamen Rettungsarbeiten würden durch den Ausbruch von Seuchen noch erschwert. Zudem könnten weitere Regenfälle die Lage verschlimmern.
Die Hilfsorganisationen arbeiten mit Hochdruck daran, eine Ausbreitung von Seuchen zu verhindern. Ein UN-Sprecher nannte die Lage alarmierend. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden durch die Fluten rund 100 Gesundheitseinrichtungen zerstört. Die UN riefen zu Nothilfen in Höhe von 459 Mio. Dollar auf und warnten vor steigenden Opferzahlen, sollte nicht bald weitere Hilfe eintreffen. „Während wir uns unterhalten, sterben Kinder, weil es keinen ausreichenden Zugang zu sauberem Trinkwasser gibt“, sagte der Leiter der Delegation des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Pascal Cuttat.
Die seit rund zwei Wochen anhaltenden Überschwemmungen gelten als eine der schwersten Naturkatastrophen in der Geschichte Pakistans. Mehr als 1600 Menschen verloren in den Fluten ihre Leben, zwei Mio. wurden obdachlos. Ganze Dörfer sind verschwunden, Brücken zusammengebrochen. Manche Menschen harren auf einem winzigen Stück Land aus, von dem aus sie nichts als Wasser sehen. Einem UN-Sprecher zufolge ist rund ein Drittel Pakistans vom Hochwasser betroffen. „Es ist ein riesiges Gebiet - größer als einige europäische Länder“, sagte er.
Im Süden flohen die Menschen in Scharen vor einer drohenden Flutwelle. Von den 300 000 Einwohnern der Stadt Jacobabad hätten rund 225 000 bereits ihre Häuser verlassen, sagte ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung Reuters. In der Provinz Punjab, die als Kornkammer des Landes gilt, kam es bei der Verteilung von Hilfsgütern zu dramatischen Szenen. Ältere nahmen Kindern Lebensmittel weg. Ein Mann sammelte Zucker auf, der aus einem geplatzten Sack auf den Boden gerieselt war, und schüttete ihn sich direkt in den Mund. Wo es noch Lebensmittel zu kaufen gibt, sind die Preise regelrecht explodiert.
Nach Einschätzung der UN-Welternährungsorganisation (FAO) hat das Hochwasser rund 700 000 Hektar an landwirtschaftlich genutzten Flächen zerstört. Betroffen seien vor allem Mais-, Reis-, Baumwoll- und Zuckerrohrfelder. Ersten Schätzungen zufolge seien zudem rund 500 000 bis 600 000 Tonnen Weizen, den Bauern gelagert hätten, beschädigt oder vernichtet worden. Der Verlust von Saatgut und anderen landwirtschaftlichen Ressourcen werde sich auch auf den im Oktober beginnenden Anbau für das neue Erntejahr negativ auswirken.
Nach den Worten von Weltbank-Präsident Robert Zoellick drohen durch die Katastrophe schon jetzt Ernteausfälle von rund einer Milliarde Dollar. Ersten Schätzungen zufolge seien die Schäden größer als nach dem verheerenden Erdbeben 2005, sagte Zoellick. Die Weltbank erwäge derzeit, rund 900 Mio. Dollar umzuschichten, um Pakistan unter die Arme zu greifen.
Mit der immer schwierigeren Lage steigt auch der Druck auf die pakistanische Regierung. Kritiker werfen ihr vor, anders als das mächtige Militär nur schleppend und unzureichend auf die Krise reagiert zu haben. Präsident Asif Ali Zardari, der erst nach Tagen von einer Auslandsreise nach Pakistan zurückgekehrt war und dafür heftige Kritik geerntet hat, bemüht sich mit Besuchen den betroffenen Regionen um Schadensbegrenzung. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon will am Wochenende zu Krisengesprächen nach Pakistan reisen.