Flutkatastrophe in Indien
Ein Moloch versinkt

Ein Monsun hat Teile Indiens in ein Katastrophengebiet verwandelt. Auch Mumbai versinkt in den Fluten. Es ist eine Mischung aus Klimawandel und katastrophaler Stadtplanung, die in Indien zur tödlichen Gefahr wird.
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BangkokEs sind nicht nur die Fluten selbst, die zu einer Falle werden. Auch die zahlreichen maroden Gebäude Mumbais sind jetzt eine tödliche Gefahr: In diesen Stunden graben Helfer in den Trümmern eines eingestürzten Hauses mit bloßen Händen nach Dutzenden Vermissten. Bereits zwölf Tote konnten sie aus dem Schutthaufen bergen. Die Polizei geht davon aus, dass die Wassermassen der vergangenen Tage dem mehr als 100 Jahre alten Gebäude den Rest gegeben haben.

Mumbai bleibt im Ausnahmezustand. Eigentlich ist die Bevölkerung der Megastadt heftige Regenfälle und überflutete Straßen gewohnt: Die Menschen fahren auch noch Auto und Roller, wenn das Wasser kniehoch in den Straßen steht. Doch die Polizei hatte Mumbais unerschrockene Autofahrer bereits gewarnt, dass diesmal kein gewöhnlicher Monsun-Schauer auf sie zukomme: „Verlassen Sie das Auto, wenn das Wasser bis über die Reifen ragt“, rieten die Beamten per Twitter. „Auf ihren zwei Füßen ist es zwar unkomfortabler, aber sicherer.“

Was dann vom Himmel herunterkam, versetzte die Metropole tatsächlich in einen Schockzustand: Treppenaufgänge verwandelten sich in reißende Wasserfälle, Kanäle schwollen so massiv an, dass sie Brücken mitrissen. Allein am Dienstag fiel soviel Wasser wie sonst im kompletten, ohnehin sehr nassen Monsun-Monat August. Medien berichten von mindestens 14 Toten, darunter auch zwei Kleinkinder.

Für die Opfer wird nun auch die Stadtverwaltung verantwortlich gemacht – die trotz Warnungen und immer wiederkehrenden Überschwemmungen ihre Bürger nicht besser schützen konnte. „Ihr Gauner, Schurken, Lumpen, Halunken, inkompetente und nutzlose Idioten“, beschimpfte ein TV-Moderator die Beamten. Tatsächlich sind die Wassermassen auf den Straßen nicht nur das Resultat extremer klimatischer Bedingungen – sondern auch einer Stadtplanung, die diesen Namen eigentlich nicht verdient.

Doch nicht nur in Mumbai ist die Lage dramatisch: Während die Weltöffentlichkeit gebannt nach Houston in Texas schaut, hat der dieses Jahr ungewöhnlich heftige Monsun weite Teile Süd-Asiens in ein Katastrophengebiet verwandelt. In Bangladesch stand zwischenzeitlich rund ein Drittel der gesamten Landesfläche unter Wasser. Die Vereinten Nationen schätzen, dass insgesamt rund 40 Millionen Menschen in der Region gegen Wassermassen ankämpfen. In den vergangenen zwei Wochen wurden rund 1.200 Menschen getötet, mehr als eine Million sind obdachlos geworden.

Die ungewöhnlich starken Unwetter könnten die Entwicklung der Region über Monate oder sogar Jahre behindern. Bauern klagen bereits über heftige Ernteausfälle. Die Kinderschutzorganisation Save the Children warnt, dass durch die Fluten rund 18.000 Schulen zerstört wurden. Rund 1,8 Millionen Kinder können derzeit deswegen nicht zur Schule gehen. „Wir haben seit Jahren keine Überschwemmungen in dieser Dimension gesehen. Die Bildungschancen einer enormen Anzahl von Kindern ist in großer Gefahr“, sagt Rafay Hussain, Geschäftsführer der Organisation im indischen Bundesstaat Bihar.

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Wilde Bebauung ohne Plan

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