Fragen einer Mutter
Das Undenkbare denken

Als Reaktion auf die Bluttat in den USA hat eine Mutter einen offenherzigen Blog-Eintrag geschrieben – über ihren eigenen Sohn, von dem sie nicht weiß, ob er nicht auch eines Tages zum Amokläufer wird. Der Text bewegt.
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Düsseldorf„Du bist eine dämliche Hure. Ich kann die Hosen tragen, die ich möchte. Dies ist Amerika. Und ich habe Rechte.“ Diese Sätze ihres 13jährigen Sohnes hat sich eine amerikanische Mutter anhören müssen, nachdem sie ihrem Sprössling zurechtgewiesen hatte, weil er nicht mit der angesagten Schuluniform morgens aus dem Haus geeilt war. Die brüskierenden Sätze mögen banal sein, doch die Autorin stellt sie nach dem Amoklauf vom Freitag in einen neuen Zusammenhang. Ist auch ihr Sohn ein möglicher Amokläufer? Soll sie das „Undenkbare denken“, fragt sie in ihrem Blog-Eintrag.

Tausendfach ist am Wochenende der offenherzige Blog-Beitrag der Mutter über ihren Sohn, den sie in dem Text Michael nennt, und dessen bislang nicht eindeutig diagnostizierten geistigen Störung in sozialen Netzwerken geteilt worden. Als Reaktion auf den Amoklauf in Newtown schilderte die anonyme Frau das Leben mit dem hochbegabten Jungen und der Sorge, dass dieser mit seinem aggressiven Verhalten sich selbst und anderen schaden könnte.

„Ich teile meine Geschichte mit, weil ich Adam Lanzas Mutter bin. Ich bin Dylan Klebolds Mutter und Eric Harris' Mutter“, schreibt die „Anarchist Soccer Mom“ in Anspielung auf den Schützen in Connecticut und andere Amok-Schützen. Ihr Appell: Statt über schärfere Waffengesetze zu reden, müsse über den Umgang mit geistig gestörten Jugendlichen geredet werden.

„Vor ein paar Wochen zückte Michael ein Messer und drohte, erst mich und dann sich selbst umzubringen, nachdem ich ihn gebeten hatte, seine überfälligen Bücher in der Bücherei abzugeben“, schreibt die Mutter. „Ich lebe mit einem Sohn, der geisteskrank ist. Ich liebe meinen Sohn. Aber er erschrickt mich.“

Noch sei sie körperlich stärker als der Teenager, aber sie fürchte sich vor dem Tag, an dem das anders werde. Bereits jetzt musste sie bereits die Polizei zu Hilfe rufen, wenn ihr Sohn Wutausbrüche hatte. Die beiden Geschwister kennen den Notfallplan, wenn Michael durchdreht: Ins Auto rennen und Knöpfchen runter drücken.

Ausreichende Unterstützung erfahre sie nicht, schreibt die Mutter. Ihr Mann kümmere sich vornehmlich um die beiden anderen Kinder. Und der Sozialarbeiter des Sohnes habe einen wenig zufriedenstellenden Vorschlag gemacht zum Umgang mit dem zu Gewalt neigenden Sohn gemacht. „Er sagte, das einzige, was ich tun könne, sei, dass Michael einer Straftat beschuldigt werde.“

Denn nur dann würde seine Krankheit ernsthaft behandelt werden. Es scheine, dass „die USA das Gefängnis als das Mittel der Wahl zum Umgang mit geistig gestörten Menschen nutzten“. Andere Einrichtungen würden geschlossen. „Niemand will ein 13 Jahre altes Genie, das Harry Potter liebt (...) in ein Gefängnis stecken“, heißt es in dem Beitrag weiter. „Aber unsere Gesellschaft (...) mit dem kaputten Gesundheitssystem, bietet uns keine anderen Optionen.“ Wenn dann wieder eine zerstörte Seele eine Massenschießerei begehe, komme die Forderung, dass etwas geschehen müsse. Aber weniger müsse über Waffen, denn über geistige Krankheiten diskutiert werden.

Die „Anarchist Soccer Mom“ erntete im Netz viel Applaus für ihre Offenheit. „Ein Essay, das Pflichtlektüre ist“, kommentierte etwa eine Journalistin und ehemalige Therapeutin. Dutzende weitere Journalisten empfahlen den Artikel. Bei Facebook wurde der Text bereits bis Sonntagmorgen (Ortszeit US-Ostküste) mehr als 50.000 Mal geteilt. Mehrere Hunderte Kommentare sammelten sich rasch unter dem Beitrag. Leser bedankten sich für die Schilderung, da das Thema sehr selten „aus der Perspektive, die sie uns geben“ beleuchtet werde. Einzelne Nutzer kritisierten jedoch die Mutter dafür, dass sie ihrem Sohn mit dem Beitrag schaden könne. Schließlich könnte er gegen eine solche Veröffentlichung sein. Der Anfang einer Diskussion könnte indes gemacht sein.

 
Martin Dowideit, Leiter Digitales, Handelsblatt.
Martin Dowideit
Handelsblatt / Leiter Digitales

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  • Das Verhalten des Jungen ist unerhört. Ich meine es aber nicht als Ausdruck meiner Empörung, sondern als Beschreibung seines Zustands. Der Junge wird nicht erhört und verhält sich dementsprechend im wahrsten Sinne des Wortes. "Ihr Mann kümmere sich vornehmlich um die beiden anderen Kinder." Dieser Satz geht hier anscheinend komplett unter und wird von keinem hinterfragt. Wieso kümmert sich der Vater vornehmlich um die anderen Kinder und was bedeutet es für den Jungen? Wenn seine Traurigkeit darüber in Wut und unerhörtem Verhalten seinen Ausdruck findet, wird natürlich vorschnell von "dessen bislang nicht eindeutig diagnostizierten geistigen Störung" gesprochen. Der zuständige Sozialarbeiter hofft darauf, dass ihm möglichst bald eine Straftat nachgewiesen wird, die zu einem „heilsamen“ Gefängnisaufenthalt führt. Da frage ich mich jetzt wirklich, wer hier verrückt ist. Eine normale und sinnvolle Reaktion wäre, den Jungen erst einmal zu fragen, wie er sich fühlt, wenn er von seinem Vater kaum beachtet wird. Dann müsste man den Vater damit konfrontieren und ihn fragen, was er darüber denkt und warum er sich nicht um diesen Jungen kümmert und die beiden anderen vorzieht. Entweder Vater und Sohn finden dann wieder zu einem normalen Verhältnis oder man muss den Jungen darin bestärken, dass man nicht immer von jedem gemocht wird, aber trotzdem wertvoll und liebenswert ist und anderen umso mehr bedeutet. Das wäre mal eine wirkliche Lösung des Problems. Das Verhalten des Jungen ist der normale Ausdruck einer gestörten Beziehung zu seinem Vater.

  • Schon die Primaten waren bewaffnet, alle Humanoide ebenfalls. Ob Fauskeil oder modernes Schnellfeuergewehr wir haben als Mensch das Recht der Verteidigung. Dies wird aber durch unser Waffenrecht verhindert. Die Auswirkung des Waffenrechts gibt faktisch 2 Gruppen das Waffenmonopol: Polizei und Armee einerseits und Kriminelle andererseits. Wenn ich schon mich selbst und meine Familie nicht schützen darf, dann wäre es doch nett, wenn der Staat diesen Schutz gewährleisten würde. Tut wer das?
    NEIN - die Polizei selbst sagt mir es muss erst etwas passieren bevor sie einschreiten kann. Das bedeutet ich muss mich erst erschießen lassen bevor meine Leiche polizeilichen Schutz bekäme, den ich als Leiche dann nicht mehr brauche.
    Hier ein Beispiel aus meiner unmittelbaren Nachbarschaft in Köln- Hahnwald: Dort stiegen nachts mehrere Albaner in ein haus ein und fanden den Sohne des Hauses mit Frundin vor. Der Sohn kannte den Code des Stahlschrankes nicht. daraufhin wurde das Mädchen mehrfach vergewaltigt um den Sohn zu bewegen den Code preiszugeben. Danach wurden beide halb tot geschlagen. Ich würde gerne in solchen Fällen eine geladene Waffe griffbereit zur Verfügung haben. Nicht in einem verschlossenen Stahlschrank, sondern am Holster. Was nützt mir der Notwerparagraph, wenn ich keine Chance habe.

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