Frauen als Opfer
Fiese Mails, gemeine Post und Morddrohungen

Extreme Belästigung im Netz nimmt zu. Stalking von Frauen hat dabei viele Gesichter. Zwei, die das selbst erlebt haben, wehren sich. Sie appellieren an den Gesetzgeber. Und fordern mehr Verantwortung in sozialen Medien.
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Berlin/Garmisch-PartenkirchenMary Scherpe war ein Opfer. Die Berliner Bloggerin Scherpe wurde von ihrem Ex im Netz verunglimpft, sie bekam bedrohliche Mails und schräge Post – und einen Haufen Ziegel vor die Tür. Sie hat gleich ein Buch über ihr Leben mit einem Stalker geschrieben.

Man darf die Angst nicht zuzulassen, sagt sie. „Sonst ist man verdammt, das zu ertragen.“ Auch wenn sie sich nie sicher sein kann, ob es wirklich vorbei ist – der Schritt in die Öffentlichkeit hat ihren Verfolger erstmal gestoppt. Für die 32-Jährige war es ein Befreiungsschlag. Opfer dürften sich nicht einschüchtern und zurückdrängen lassen. „Wenn ich in einem Einkaufszentrum beklaut werde, meide ich ja auch nicht das Zentrum."

Scherpe ist nicht die einzige, die in die Offensive geht. Es gibt auch andere, die die Attacken ihrer Stalker nicht mehr hinnehmen wollen. Christine Doering ist so eine. Ihr Ex-Freund hat sie verfolgt. Er drohte mit Mord, versuchte die Tür einzutreten. Zweieinhalb Jahre ging das so. Bis er wegen Stalking verurteilt wurde. Auf Bewährung. Er ist weggezogen. Seitdem ist Ruhe. Bis jetzt zumindest.

Die 34-Jährige ist erleichtert. Doch ganz traut sie dem Frieden nicht. „Das Risiko ist immer da, dass so jemand wiederkommt“, sagt die gelernte Krankenschwester. Ihre Erfahrungen gibt sie inzwischen an andere Betroffene weiter – und sie hält als Stalking-Expertin Vorträge bei der Polizei. Doch Frauen wie Scherpe und Doering sind die Ausnahme.

Das meiste bleibt unerkannt“, sagt Reinhard Franke, Psychologe und Psychotherapeut von der FU Berlin. „Die Scham ist viel zu groß.“ Scham darüber, dass man Opfer geworden ist und „selbst schuld“ sein könnte. Franke nimmt an, dass viele erst einmal versuchen, Kontakt mit ihrem Stalker aufzunehmen. „Das ist verständlich, aber vollkommen falsch.“ Er empfiehlt: „Am besten gar nichts tun. Je mehr man reagiert, desto mehr verstärkt man das Verhalten.“

Bundesweit rund 24 000 Stalking-Fälle hat das Bundeskriminalamt im Jahr 2013 erfasst. Doch die Dunkelziffer dürfte nach Einschätzung von Experten weit höher liegen. „Das ist nur die Spitze des Eisbergs“, meint Franke. Nach der offiziellen Statistik ist die erfasste Zahl der Stalking-Fälle sogar seit Jahren rückläufig. Doch Psychologe Franke ist überzeugt: „Das nimmt zu.“ Schon weil die elektronischen Medien dazu verleiten. Ob ein Kontaktwunsch oder Rachegedanken dahinter stehen: „Der Aufwand ist gering“, sagt Franke. Wieviel Stalker(innen) via Facebook, Instagram, Twitter und Co. zuschlagen, liegt völlig im Dunkeln.

Aus Sicht der Bloggerin Scherpe müssen Anbieter von Internetdiensten wie Facebook oder Instagram bei Stalking mehr in die Pflicht genommen werden. Sie müssten zum Beispiel schneller auf Beschwerden reagieren, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Allein mit einem schärferen Stalking-Gesetz sei den Tätern nicht beizukommen. Auch sollten Beratungsstellen wie die Berliner „Stop-Stalking“ mehr Geld bekommen.

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