Eine Frau tanzt während der Karnevalsparty Perola da Guanabara auf der Insel Paqueta in der Guanabara-Bucht in Rio de Janeiro

„Selbst wenn eine Frau nackt auf die Straße gehen sollte, hätte niemand das Recht, sie anzufassen.“


(Foto: dpa)

Frauenprotest in Rio Knappe Kleidung rechtfertigt kein Grapschen

Belästigungen auf offener Straße gehört in Brasilien für viele Frauen zum Alltag, während des Karnevals in Rio de Janeiro nehmen sie noch weiter zu. Das wollen sich die Frauen nicht mehr länger gefallen lassen.
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Rio de JaneiroSchon am Wochenende vor dem eigentlichen Karneval war Ana Lobo auf einem Straßenfest. Und schon dort wurde sie von einem Mann dumm angemacht. „Nutte“ habe er sie genannt – offenbar wegen ihres freizügigen Oberteils. „Manche Männer meinen, dass sie alles mit deinem Körper machen könnten“, sagt die 29-Jährige. „Die Frauen sollten jetzt die Gelegenheit ergreifen“ und sich dagegen wehren.

Viele Frauen in Brasilien haben genau das vor. Im Rahmen des diesjährigen Karnevals sind etliche Veranstaltungen geplant, mit denen ein klares Zeichen gesetzt werden soll. In mehreren Städten wird es Umzüge mit ausschließlich weiblichen Musikern geben. Auf T-Shirts, Schals und Kronen wollen die Teilnehmerinnen Slogans wie „Meine Brüste, meine Regeln“, präsentieren. Parallel gibt es zahlreiche Initiativen, die es Frauen erleichtern sollen, Übergriffe sofort zu melden.

Von einer Gleichberechtigung der Geschlechter ist Brasilien weit entfernt. Wie tief der Machismus in der Kultur verankert ist, zeigt sich etwa daran, dass die internationale #MeToo-Bewegung in dem größten Land Lateinamerikas bisher kaum Anklang gefunden hat. Auch Gewalt gegen Frauen ist ein Problem. Nach Angaben der Organisation Mapa da Violência ist die Mordrate fast nirgendwo auf der Welt so hoch wie in Brasilien.

Trotzdem sehen feministische Gruppen nun gerade im Karneval eine Chance, eine gesellschaftliche Debatte anzustoßen. Die offiziellen Feiern und Umzüge beginnen am (morgigen) Freitag und dauern bis Mittwoch. In vielen Städten, vor allem in Rio de Janeiro, ziehen sich die Straßenfeste aber über mehrere Wochen hin. Oft wird dabei viel getrunken und praktisch rund um die Uhr Samba getanzt. Und da in der südlichen Hemisphäre gerade Hochsommer herrscht, haben viele der Feiernden allein schon wegen der Hitze wenig an. Der Karneval sei eine gute Gelegenheit, auf das Thema sexuelle Belästigung aufmerksam zu machen, sagt Debora Thome. Denn gerade angesichts der oft spärlichen Bekleidung komme es auf Respekt an. „Selbst wenn eine Frau nackt auf die Straße gehen sollte, hätte niemand das Recht, sie anzufassen.“ Seit 2015 beteiligt sich die frühere Reporterin, die aktuell eine Doktorarbeit über Frauen in der brasilianischen Politik schreibt, an der Organisation einer feministischen Party unter dem Motto „Mulheres Rodadas“ („Frauen, die herumkommen“).

Die Party war zunächst bloß eine spontane Reaktion auf ein Foto, das sich auf Facebook verbreitet hatte – ein Mann hielt darauf ein Schild, auf dem auf Portugiesisch stand, er brauche keine „Frau, die herumkommt“. Als Thome und ihre Mitveranstalterin Renata Rodrigues eher aus Spaß eine Protestparty ankündigten, erhielten sie innerhalb von 24 Stunden mehr als tausend Rückmeldungen. Ganz offensichtlich hatten sie also einen Nerv getroffen. „Der Karneval ist dabei nur ein kleiner Teil eines sehr viel größeren Problems“, sagt Rodrigues.

Seitdem sind im ganzen Land feministische Karnevalsinitiativen entstanden. Oft sind es einfach Partys unter einem entsprechenden Motto. Zum Teil gibt es auch rein weibliche Musikgruppen, was in Brasilien ungewöhnlich ist. Auf kreative Art kritisieren die Frauen das Verhalten der Männer. Bei einem der Straßenfeste waren die Teilnehmerinnen kürzlich als die Tiere verkleidet, als die man sie auf obszöne Art schon beschimpft hatte – etwa als Kühe, Hühner, Kobras oder Piranhas.

Die 29-jährige Roma Neptune lernt gerade, das Perkussionsinstrument Agogo zu spielen. Gerade weil das traditionell nur Männer machten, sei das ein befreiendes Gefühl, sagt sie. Die Lehrerin betont, dass sie schon oft auch von Männern enttäuscht worden sei, die sich zunächst solidarisch gezeigt hätten. „Sie sagen zwar, sie seien gegen Machismus, aber wenn eine Frau dann wirklich in eine gefährliche Situation gerät, greifen sie doch nicht ein.“

Maria Marzal ist gemeinsam mit ihrer dreijährigen Tochter zu der Party mit dem Tiere-Motto gekommen. Sie arbeite als Krankenschwester in einer Notaufnahme - und in jeder Schicht erlebe sie mindestens eine Frau, die gerade vergewaltigt worden sei, sagt sie. „Es geht hier um eine sehr reale Angst, eine grausame Angst.“

Im vergangenen Jahr erhielt die Militärpolizei in Rio de Janeiro 2154 Anrufe, in denen es um Gewalt gegen Frauen während des Karnevals ging. Die Sicherheitsbehörden und eine Reihe von unabhängigen Organisationen versuchen gegenzusteuern. Unter anderem werden Tausende Sticker mit Aufschriften wie „Nein heißt Nein“ oder „Mit Grapschen wirst du dir keinen Kuss verdienen“ verteilt. Internet-Seiten sollen Frauen den besten Weg zur jeweils nächsten Polizeiwache zeigen. Die auf Fälle von Gewalt gegen Frauen spezialisierte Polizistin Claudia Morais betont, dass die Betroffenen unbedingt Anzeige erstatten müssten, damit sich in der Gesellschaft etwas ändere. Neue Gesetze würden inzwischen selbst dann eine Verurteilung wegen Vergewaltigung ermöglichen, wenn es nicht zur Penetration gekommen sei, sagt sie. In jedem Fall werde ein Mann, wenn er einmal festgenommen und vor einen Richter gestellt worden sei, in Zukunft etwas genauer nachdenken, bevor er eine Frau belästige.

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