Freiwillige müssen vor "Rita" fliehen
Hurrikan-Helfer werden zu Opfern

Vor zwei Wochen hat Jamie Townsend noch als freiwillige Helferin Essen an Menschen ausgegeben, die vor dem Hurrikan „Katrina“ geflohen waren. Nun ist sie selber vor einem Hurrikan auf der Flucht.

HB COLLEGE STATION. Die 24-jährige Restaurant-Managerin gehört zu den rund 2,7 Millionen Menschen, die von der US-Golfküste geflüchtet waren, um im Landesinneren Schutz vor dem mächtigen Wirbelsturm „Rita“ zu suchen. Mit Windspitzen von 335 Kilometern in der Stunde war der Hurrikan am Samstagmorgen bei Sabine Pass in Texas an der Grenze zu Louisiana an Land gedonnert.

Townsend sitzt vor der Notunterkunft in dem Ort College Station, 150 Kilometer nordwestlich von Houston, während drinnen ihre zweijährige Tochter schläft. Sie erinnert sich daran, wie sie den „Katrina“- Flüchtlingen in Houston geholfen hat. Dort hatten Zehntausende Hilfe gefunden, nachdem der Hurrikan New Orleans überflutet hatte. „Und nun, zwei Wochen später, bin ich selber in einer Notunterkunft“, sagt Townsend fassungslos.

Schicksale vermischen sich

Die Schicksale der beiden Flüchtlingsströme vermischen sich in dieser Universitätsstadt. Bis vor einer Woche waren in dem Backsteingebäude noch Flüchtlinge aus New Orleans untergebracht. Um ihnen dabei zu helfen, wieder auf eigenen Füßen zu stehen, wurden ihnen Übergangswohnungen in der Stadt angeboten. „Nun gehören sie zu denen, die den „Rita“-Flüchtlingen ihre Hilfe anbieten“, sagt der Leiter der örtlichen Hilfsorganisation, Lance Jackson.

Jackson erinnert sich vor allem an einen Mann, der überall nur „der Bürgermeister“ genannt wurde und der nicht ernannte Sprecher der New Orleans-Flüchtlinge in der Notunterkunft war. „Das war ein Mann, der selber alles verloren hatte - und trotzdem kam er zurück, um nach den neuen Flüchtlingen zu sehen“, sagt Jackson beeindruckt.

Neue Überschwemmungen in New Orleans

Während die Flüchtlinge aus Texas noch darauf hoffen können, nach dem Hurrikan „Rita“ ihr normales Leben wieder aufnehmen zu können, steht den Flüchtlingen aus dem schon von „Katrina“ zerstörten New Orleans ein wesentlich härteres Schicksal bevor: In New Orleans verursachten am Samstag schon die ersten „Rita“-Ausläufer neue Überschwemmungen. Nach heftigen Regenfällen brach ein Damm, der vier Wochen nach „Katrina“ gerade erst notdürftig repariert worden war.

„Die „Katrina“-Flüchtlinge sind wirklich Entwurzelte“, sagt Jackson. Auch die sechsfache Mutter Sheena Johnson (43) gehörte zu denen, die den „Katrina“-Flüchtlingen in ihrer texanischen Heimatstadt Brazoria noch vor kurzem mit Blutspenden, Geld und Kleidung half. Aber die neuen Flüchtlingsströme aus den vergangenen Tagen zerstreuten die Gruppe. „Ich habe keine Ahnung, wo die Leute aus New Orleans geblieben sind,“ sagt Johnson. „Sie sind völlig auf sich allein gestellt.“

14 Stunden für 200 Kilometer

Jamie Townsend entschloss sich Mitte der Woche, ihr direkt am Wasser gelegenes Haus zu verlassen. Es liegt in Clear Lake, einem Vorort von Houston, unweit der NASA-Bodenzentrale, dem Johnson-Space Center. Sie kämpfte sich durch das Verkehrschaos der Flüchtlingsströme und blieb schließlich in College Station hängen. Für die rund 200 Kilometer lange Tour brauchte sie 14 Stunden, drei Mal so lang wie üblich.

„Ich stellte meinen Computer in den Kühlschrank, bevor ich abfuhr, schloss ab und hoffe nun, dass alles gut geht“, erzählt sie und zieht nervös an ihrer Zigarette. „Man kann wirklich nicht viel tun. Jetzt sitzen wir hier alle herum und fragen uns, wann wir wieder nach Hause kommen.“ Am Freitagabend war die Notunterkunft - eine von vielen in College Station - mit ungefähr 240 Menschen dicht belegt.

Viele der Flüchtlinge quälen Sorgen um Freunde und Verwandten, die daheim zurückgeblieben sind. Die 40-jährige Alma Vell und ihre vier Kinder haben in College Station die meisten Familienangehörigen wiedergetroffen. Aber Vell fürchtet um ihre Schwester, die in Houston blieb, weil sie einen Horror davor hatte, im Flüchtlingsstrom stecken zu bleiben. Außerdem hat die 40-Jährige Angst, heimatlos und ohne Geld zu enden, so wie viele Menschen, die schon vor „Katrina“ fliehen mussten. „Hoffentlich gehören wir nicht auch bald zu den Entwurzelten“, sagt Vell und kämpft mit den Tränen.

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