Freizeitforscher sieht „Armut-Wohlstands-Schere“
„Lager der gefühlten Wohlstandsverlierer wird stetig größer“

Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosenzahlen sinken - doch die Unzufriedenheit der Deutschen wird nach Ansicht von Gesellschaftsforscher Horst Opaschowski im Jahr 2007 zunehmen.

HB HAMBURG. „Immer mehr Menschen geraten in eine Armut-Wohlstands-Schere: Sie fühlen sich nicht mehr richtig wohlhabend, aber auch noch nicht richtig arm“, sagte der Leiter des BAT Freizeit-Forschungsinstituts in Hamburg in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). „Das Lager der „gefühlten“ Wohlstandsverlierer wird stetig größer.“

Im Vergleich zum Vorjahr sind die Deutschen laut Opaschowski eher pragmatisch und weniger optimistisch eingestellt. „Die große Koalition hatte große Erwartungen geweckt, die bisher kaum eingelöst wurden“, erläuterte der Wissenschaftler. „Die Zahl der Arbeitslosen sinkt, doch das Heer der Minijobber, Zeitarbeiter, Teilzeit- und Mehrfachbeschäftigten wird immer größer. Der Aufschwung kommt bei vielen Arbeitnehmern nicht an, weil sie auf Zusatzverdienste angewiesen bleiben.“

Immer mehr Deutsche werden daher nach Erkenntnis des Forschers ihren Wohlstand neu definieren und dabei mehr an das subjektive Wohlbefinden denken.“ Immer stärker suchten sie das „gute Leben“, das sich nicht nur an der Höhe des Bruttosozialprodukts messen lässt. Der Wert der Lebensqualität werde wiederentdeckt. „Die eigene Gesundheit ist wichtiger, das Familienleben beglückender und ein intensives Naturerleben wohltuender als die einseitige Orientierung an nur materiellen Werten und Gütern“, erklärte er.

In einer Zeit unsicherer Arbeits- und Lebensverhältnisse, zu denen auch die Angst vor dem sozialen Absturz gehört, setzt nach den Worten des Zukunftsforschers ein Umdenken ein: „Werte werden wieder wichtiger als Waren eingeschätzt.“ Der Blick richte sich mehr auf die ganz persönliche Lebensqualität. Damit verbunden sei eine Neubesinnung auf das Beständige, das dem Leben Halt und Perspektive gibt. „Die soziale Dimension des Lebens wird wichtiger als die materielle.“

Der Autor von Büchern wie „Das Moses-Prinzip: Die 10 Gebote des 21. Jahrhunderts“ verwies auf eine Repräsentativuntersuchung des Instituts, wonach die Deutschen derzeit ihre Lebensqualität im Umfeld von Partnerschaft (86 Prozent), Familie (87) und Freunden (91) als wesentlich wichtiger bewerten als Geld und Konsummöglichkeiten (66), die auf Dauer keine Geborgenheit, kein Glück und keine Lebenszufriedenheit gewährleisten können. „Die Menschen machen die Erfahrung des Aufeinander-Angewiesen-Seins“, erläuterte er.

Mit der immer älter werdenden Bevölkerung verstärkt sich dem 65- Jährigen zufolge der Trend zur Neuorientierung des Lebens - jenseits von Konto und Karriere. „Der wichtigste Faktor im Leben ist die Gesundheitserhaltung geworden. Wer sich guter Gesundheit erfreut, fühlt sich fast reich im Leben“, meinte er. „In der immer älter werdenden Gesellschaft bekommt die Gesundheit fast Religionscharakter, und das Gesundheitswesen wird zum Megamarkt der Zukunft.“

Wachsende Gesundheitsorientierung, die Renaissance der Familie und die Bedeutungszunahme des Freundeskreises bringen laut Opaschowski wieder Werte der Beständigkeit ins Leben. „Wenn der Lebensstandard stagniert, wird Wohlstand neu definiert“, meinte er. „Das fängt beim Wohlfühlen in der eigenen Haut an und hört bei der Verantwortung für die Erhaltung der Lebensqualität kommender Generationen auf. Und das kann auf lange Sicht auch heißen: „Gut leben statt viel haben!““.

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