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„Fremdes Essen“: Wie Pizza und Döner unser Land bereichern

In den vergangenen 50 Jahren wurde Deutschland stark von ausländischen Kulturen beeinflusst. Das zeigt sich besonders deutlich beim Essen. Döner und Pizza gehören heute zum Alltag. Wie es dazu kam erzählt nun ein Buch.

Der Döner soll Gerüchten zufolge vor 40 Jahren in Berlin erfunden worden sein. Quelle: dpa
Der Döner soll Gerüchten zufolge vor 40 Jahren in Berlin erfunden worden sein. Quelle: dpa

Berlin/PotsdamMaren Möhring kocht am liebsten Italienisch, aber heute steht sie in einem Döner-Imbiss. Vor ihr dreht sich ein 80 Kilogramm schwerer Fleischspieß, der sich rasch verkleinert. Es ist Mittagszeit, und im „Orient Eck“ am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg ist Hochbetrieb. Manche sagen, hier gebe es den besten Döner der Stadt. Aber einmal die Woche ist „Manti-Tag“, wie die Speiseliste verrät. Manti? „Das sind türkische Ravioli“, sagt Möhring fachkundig.

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Die 42-Jährige ist gebürtige Bremerin. Aber mit Döner Kebab kennt sie sich weit besser aus als mit Fischbrötchen. Über Pasta, Gyros und Cevapcici kann sie auch eine Menge erzählen. Möhring ist Historikerin und hat sich sechs Jahre mit ausländischer Küche in Deutschland beschäftigt. Die Ergebnisse kann jetzt jeder nachlesen: „Fremdes Essen“ heißt der 550 Seiten starke Wälzer. „Die Geschichte der ausländischen Gastronomie in der Bundesrepublik Deutschland“.

Möhring lehrt am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Für ihr Werk über „Pizza, Döner und viele andere Köstlichkeiten“ wurde sie mit dem Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2012 ausgezeichnet. Sie habe sich für Migrationsgeschichte interessiert und wie sich das Land verändert habe durch Zuwanderung, sagt Möhring. „Essen ist da ein zentraler Bereich.“ In der Tat: Deutschland ohne Dönerbuden, Thai-Imbisse und Balkangrills? Schwer vorstellbar.

Dabei war etwa die Pizza noch bis in die 1960er Jahre den meisten Deutschen unbekannt. „Die Italiener belegten sie anfangs mit Gouda, weil es hier nirgends Mozzarella gab“, sagt Möhring. Statt Salami sei irgendeine deutsche Wurst auf den Teig gekommen.

1955 kamen die ersten Italiener als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland, nachdem beide Länder ein Anwerbeabkommen geschlossen hatten. Es folgten gleiche Vereinbarungen mit Griechenland, Türkei, Jugoslawien. Die Gäste brachten natürlich ihre jeweiligen kulinarischen Vorlieben mit, auf die nach und nach auch die Deutschen Appetit bekamen. Im Land des Sauerkrauts und der Bratkartoffeln eröffneten immer mehr Eisdielen, Pizzerien und Tavernen. „In den späten 60er Jahren begann der Boom“, berichtet Möhring.

Das „Orient Eck“ in Berlin-Kreuzberg wird in zweiter Generation betrieben. „Wir sind ein Familienbetrieb“, sagt Cihan Kuzay, während er Fleisch für die nächsten Döner-Taschen schneidet. Seine Eltern kamen vor fast 40 Jahren aus der Türkei nach Berlin, erst arbeitete der Vater in einer Fabrik. 1984 machte er sich dann mit dem Imbiss am Kottbusser Tor selbssttändig. Heute stehen seine beiden Söhne am Drehspieß. „Aber unser Vater ist der Häuptling“, sagt Cihan Kuzay stolz.

Erst Fabrikarbeiter, dann eigenes Restaurant - typische Gastarbeiterbiografie, kommentiert Maren Möhring. Viele Migranten schrieben so in Deutschland Erfolgsgeschichte. Manche wurden allerdings auch in die Selbstständigkeit gedrängt. „So konnten sie dem Rassismus in ihrem Betrieb entgehen“, sagt die Historikerin.

Es gibt auch dunkle Kapitel in ihrem Buch. Denn die Geschichte der ausländischen Küche in Deutschland ist auch die vieler Vorurteile und Diskriminierungen. So wurden italienische Gastarbeiter lange Zeit als „Spaghetti-Fresser“ beschimpft. Und die rechtsradikale Parole „Bockwurst statt Döner“ formulierte das Ziel, die angeblich originär deutsche Bockwurst möge den „fremden“ Döner Kebab wieder ersetzen.
Dabei kommt auch die Bockwurst aus dem Ausland, wie man in Möhrings Buch erfährt: Französische Hugenotten brachten sie im 17. Jahrhundert mit. Döner Kebab wiederum gilt mancherorts schon als urdeutsche Spezialität: etwa in China.

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