Fukushima-Unglück: Gefahr für Tokio war größer als behauptet

Fukushima-Unglück
Gefahr für Tokio war größer als behauptet

Was viele befürchteten, gesteht Japans Regierung nun ein: Im schlimmsten Fall wäre möglicherweise auch Tokio von der Atomhavarie in Fukushima betroffen gewesen. Eine Evakuierung wurde vorbereitet - aber geheim gehalten.
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TokioNun ist es offiziell: Nach dem Atomunfall im AKW Fukushima 1 konnte auch eine Gefährdung Tokio gänzlich nicht ausgeschlossen werden. Japans Regierung hat erstmals die Existenz eines Albtraumszenarios eingestanden, das die freiwillige Evakuierung des Großraums Tokio mit seinen 36 Millionen Einwohnern vorsah.

Im unwahrscheinlichen, aber allerschlimmsten denkbaren Fall hätten die Menschen in einem 170 Kilometer-Radius um das AKW zwangsevakuiert werden müssen. In einem Umkreis bis zu 250 Kilometern, in dem auch Tokio liegt, wäre zu einer Evakuierung geraten worden. Doch aus Angst vor Panik hielt die Regierung den Plan geheim, erklärte vorigen Freitag der Minister für Umwelt und Atomkrisenmanagement, Goshi Hosono, der damals der oberste Krisenmanager der Regierung war. „Wir haben auf eine Veröffentlichung verzichtet, weil wir befürchteten, das sich die Bevölkerung übermäßig ängstigen würde“, so Hosono.

Stattdessen beschwichtigte die Regierung. Zwar wurde die Bevölkerung sehr detailliert informiert, aber Albtraumszenarien wurden nicht ausgemalt, sondern nur angedeutet. In Abwägung der geringen Wahrscheinlichkeit des Horrorszenarios mit den Gefahren einer Panik wurde immer nur das zugegeben, was sich nicht mehr leugnen ließ, um die Bevölkerung langsam an die unbekannte Risiko zu gewöhnen. Denn bei einer ungeordneten Massenflucht in Tokio wären wahrscheinlich mehr Menschen binnen weniger Stunden gestorben als durch Strahlung in Jahrzehnten.

Auch ausländische Atomexperten beteiligten sich an dem Spiel, Tokio zur absolut sicheren Zone zu erklären. So betonte damals der Wissenschaftsberater der britischen Regierung John Beddington, dass im „annehmbaren Worstcase-Szenario“, einer totalen Kernschmelze mit anschließender Explosion, die Räumung eines 50-Kilometer-Umkreises um den Unfallort absolut ausreichend sei. Selbst beim Verlust von zwei Reaktoren wäre es nicht deutlich mehr.

Doch das wirklich schlimmste Planspiel, das Japans eigene Experten in Hosonos Auftrag erarbeitet und zwei Wochen nach der Katastrophe vorgestellt hatten, kam zu weit erschreckenderen Ergebnissen. Das Szenario ging laut der Zeitung Asahi davon aus, dass der Reaktor 1 des Krisen-AKWs nach einer Kernschmelze in die Luft fliegt, die Retter das AKW räumen müssen und dann das Abklingbecken von Reaktor 4 mit seinen 1535 Brennstäben trocken fallen und verschmelzen würde. In dem Fall wäre weit mehr Radioaktivität als in Tschernobyl freigesetzt worden, mit horrenden Folgen.

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Der Schock der Erkenntnis sitzt tief genug

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  • @Dummschule
    Danke, daß Sie meinen Post bestätigen !

  • Was für ein Unsinn! Es gab keinen GAU. 3 Reaktoren sind beschädigt worden und es kam zur Kernschmelze. Aber dafür sind diese Reaktoren ausgelegt worden.
    Deutschland ist das Zentrum der Angstmacher, andere bauen derweil eigensichere Reaktoren bei denen die Endlagerfrage gelöst ist. Dummschule Deutschland!

  • Verharmlosen, verschweigen, vertuschen ...
    Paßt ins Bild.
    Die Japaner hatten ein Riesenglück !
    Sie werden es nicht begreifen, genauso, wie hier noch genügend Menschen nicht begreifen, was für sie auf dem Spiel steht.

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