Fußball-Weltmeisterschaft 2006
Deutsch, aber glücklich

Durchgeflaggte Innenstädte, fröhlich flatternde Wimpel mit Bundesadler an Privatwagen und Taxen, alte Damen aufgehübscht und sanft geliftet im Schwarz-Rot-Gold-Look, junge Straßentänzer im Deutschland-Dress: Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland - oder wie die deutsche Nationalmannschaft Karl Marx schlägt.

BERLIN. Die gloriosen Tage scheinen, geben wir es ruhig und mutig zu, schon wieder lang, lang her. Deutschlands summer of joy. Es war kein nationales Woodstock. Aber es war wirklich ein summer of joy: Freude schöner Fußballfunken! Die Fußball-Götter versetzten einen ganzen heißen Sommer lang ein mitteleuropäisch-graues Land in funkelnden Freudentaumel und die Nachbarn in verblüfftes Staunen: Erbarmen, die Deutschen kommen? Nein, nie wieder! Die weltweit berüchtigte Leistungsgemeinschaft, die Deutschen, ist wieder wer, wie wir. Le Nouveau Allemand est arrivé! Deutsch, aber glücklich.

Millionen Gäste aus aller Welt werden ins Zentrum der Anbetung des Fußballgotts gelockt, vor die riesige Leinwand am Brandenburger Tor. In ein absolut schattenloses Fußballreich. Heiter winken sich die nationalen Symbole am geschichtsschweren Ort zu, dort, wo einst Ost und West weltenmäßig auseinander klafften und Rot wie Schwarz deutschtümelnd aufeinander eindroschen. Jetzt heißt es nur noch: Kick it like Klinsmann!

Durchgeflaggte Innenstädte, fröhlich flatternde Wimpel mit Bundesadler an Privatwagen und Taxen, alte Damen aus aller Herren Länder aufgehübscht und sanft geliftet im Schwarz-Rot-Gold-Look, junge Straßentänzer im Deutschland-Dress: Wochenlang übt die Nation den legeren Umgang mit nationalen Symbolen und dem Nationalgefühl "extra light". 5,50 Euro nur kostet das Nationalgefühl den ganzen Sommer lang - für 1,30 Quadratmeter Polyester. Garantiert ohne Nebenwirkungen und Gesundheitsgefährdungen.

Das nationale Selbstwertgefühl, durch den Filter der vielen Nationen inhaliert, ist zumindest in der preußischen Kapitale wochenlang der Renner, ausverkauft. Vier Arbeitswochen lang darf sich das Land in einer Non-Corporate-Identity wiegen: in verdammt guter Laune. Wie ein Volk vom Stamme Münchhausens zieht es sich bei 36 Grad im Schatten mühelos und behänd am eigenen Schopf aus dem Schlamassel: dem deutschen Sumpf der deutschen Trübsal voller Hartz IV, Massenarbeitslosigkeit, No-go-Areas, unsicherer Renten und einer vermurksten Gesundheitsreform. Ein widerspenstig dagegen anfeierndes, selbstbewusst fröhliches Volk findet plötzlich zum Stelldichein mit der Welt - und zu sich selbst: zum Wir-Gefühl im Open-Air-Format.

Bezeichnend für die Lage an Deutschlands Fußballfront: Es wird symbolisch weder geschossen noch zurückgeschossen. Die Nationenzugehörigkeit ist jetzt zumindest populär und endlich praktiziert als das, was sie sowie so nur ist: ein Zufall, die Macht des Schicksals, wirbelndes Roulette - auf keinen Fall: eigenes Verdienst.

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