"Gabbutschino" und "Grabba" in der Heimat
Summer in the City

Bundesregierungshauptdarsteller Gerhard Schröder ist nicht gerade für mutige und unpopuläre Entscheidungen bekannt. Mit einem Auge mindestens schielt er stets nach dem, was seine Wähler gerade lustig finden könnten, und tut es dann: keine Irak-Beteiligung, keine Rentenkürzung und als Sommertheater 2003 - keinen Italienurlaub.

Da hat sich Stammtischkumpel Gerhard ganz als deutscher Mann gezeigt, lässt sich doch nicht von einem Italiener anpöbeln: Wo kämen wir denn da hin?

Das Volk findet's "doll"

Er war zwar persönlich gar nicht gemeint, und der besagte Italiener gehört einer Clique obskurer Gestalten an, die man früher einfach als "nicht satisfaktionsfähig" ignoriert hätte. Doch was soll's? Das Volk findet es "richtig doll", dass sich unser Gerd nicht von den Pizzabäckern für dumm verkaufen lässt. Und schon schnellt die Popularitätskurve der SPD von 30 auf 31 % (immer noch 14 % hinter der CDU).

Doch was unser Gerd im selben Atemzug verkündete, das zeigt ihn dann doch als mutigen Politiker, der sich um unpopuläre Entscheidungen nicht herumdrückt: "Ich mach Urlaub in Hannover, basta!" Hätte er verkündet, mit Angela Merkel nach Las Vegas durchzubrennen, es wäre kaum auf mehr Unverständnis gestoßen.

Urlaub in Hannover? Wie soll das denn gehen? Gut, wenn man vielleicht an unkontrollierbaren Euphorieschüben leidet und einem der Arzt eine triste Umgebung verordnet, dann mag Hannover das richtige Ziel sein. So jedenfalls sieht der Bundesbürger die niedersächsische Glitzermetropole: langweilig, hässlich und nix los. Das Gegenteil zu belegen, überlassen wir dem rührigen Hannover- Marketing. Es ist eh vergebens, denn von lieb gewonnenen Vorurteilen gegen die "graue Stadt an der Leine" lässt der Deutsche genauso wenig, wie er das korrupte Köln für "lebenslustig" hält, das piefige Kleinstadtmonster Berlin für "mondän" oder gar München überhaupt für eine Stadt.

Der Ruck durch Deutschland?

Wenn sich jedoch der Kanzler höchstpersönlich diesem Vorurteil handelnd entgegenstemmt, dann geht davon ein Zeichen aus für diese Republik. Ist die unpopuläre Urlaubsentscheidung für Hannover der lang erwartete Ruck, der durch Deutschland gehen muss? Beginnt hier im Sommer 2003 die zweite Nachkriegsrepublik, in der zwar weniges besser, aber alles anders wird? Einen geeigneteren Ort hätte sich Gerhard Schröder dafür kaum aussuchen können, denn Hannover ist der Kanzlerurlaubsort schlechthin. Der neu gestaltete Zoo mit der beschaulichen Streichelwiese am Weiher gibt Gelegenheit zum Wolfgangsee-Memorial-Foto: Gerd und Doris mit einem Zicklein in ihrer Mitte bieten ein Bild voll Eintracht und Zuversicht.

Doch Schröder wäre nicht der Staatsmann, der er ist, verbände er mit der Wahl des Urlaubsortes nicht auch politisches Kalkül. Aus Hannover stammen Frank Bsirske und Jürgen Peters, die Erzschurken des DGB. Beim zwanglosen Kampfgrillen am Reihenendhaus ließe sich der Traditionsflügel der Arbeitnehmerschaft womöglich beschwichtigen. Mit wem hätte Schröder in Italien grillen können? Nirgendwo ist der Kanzler seinen Bürgern auch so nahe wie in der Leinestadt. Hier kreuzen sich die mächtigen Verkehrsadern A2 und A7. Während auf der Ost-West- Achse der deutsche Exportmotor unbeirrt durch den Sommer brummt, quält sich auf der A7 der Urlauberstrom gen Süden.

"Gabbutschino und Grabba"

Sehr gut vorstellen kann man sich unseren jovialen Regierungschef, wie er am Autobahnkreuz Hannover-Ost der vorbeiziehenden Herde huldvoll nachwinkt: "Grüßt mir die Toskana, ich bleib hier und halt euch die Arbeitsplätze frei." Und nach getanem Winken trollt sich der Reformkanzler zum nahe gelegenen Steinhuder Meer, ebenso flach wie die Adria und wie diese recht beliebt beim Urlauber aus den ostdeutschen Bundesländern. Bis zu den Knien mitten im Meer stehend, die Flasche Bier fröhlich schwenkend, ist er wie einer von ihnen. Noch einen "Gabbutschino mit nem Grabba" später in den Strandterrassen, und Ost und West sind sich dank des Kanzlers wieder ein Stück näher gekommen.

Hannover hat eben alles, was man sich nur wünschen kann im Urlaub, die italienische Leichtigkeit des Seins allzu mal. Des Abends im Yachtclub am Mittellandkanal den Containerschiffen nachblicken, beim "größten Schützenfest der Welt" ein fröhliches Bacchanal feiern oder einfach mal zur Mülldeponie vor den Toren der Stadt hinüberschlendern - Italien ist nie fern. Und noch tausendmal eher findet man in Hannover ein anständiges Saltimbocca als in Positano eine amtliche Bratwurst. So fragt man sich, warum ist unser Kanzler erst jetzt darauf gekommen, seinen Urlaub an der Leine zu verbringen, wo es hier vor Anmut doch nur so strotzt? Ist es etwa nicht nur der Liebreiz Hannovers, der ihn hält? Geht es ihm wie vielen müden Regierungschefs, die sich nicht mehr trauen, das Land zu verlassen, weil die Usurpatoren schon die Messer wetzen? Macht Schröder unfreiwillig Urlaub in Hannover? Hausarrest? Regierungs-Reha?

Metropole der Staatschefs

Das wäre schade, denn die niedersächsische Landeshauptstadt sieht sich schon als die künftige Sommerfrische europäischer Staatschefs: Blair, Putin, Chirac, sie waren schon mehrfach hier und zeigten sich von der unaufdringlichen Bescheidenheit der Stadt fasziniert. Hannover könnte das Baden-Baden des 21. Jahrhunderts werden, wo die Mächtigen Europas bei einer Lüttjen Lage die Zukunft des Kontinents unter sich ausmachen.

Da kann man nur hoffen, dass Berlusconi nicht noch einen nachlegt und Schröder mit der zweiten Strophe des Niedersachsenliedes kontern muss: "Wo fielen die römischen Schergen? Wo versank die welsche Brut? In Niedersachsens Bergen, an Niedersachsens Wut."

Dietmar Wischmeyer: Der Kabarettist schuf Figuren wie "Der kleine Tierfreund" und gründete die Kult-Radioshow "Frühstyxradio".

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