Gaultier: "Das ist keine Kosmetik für Schwule"
Der mattierte Mann

In Paris ist eine neue Bronzezeit ausgebrochen: Nun sollen sich auch Männer dekorativ schminken – meint zumindest Star-Designer Jean-Paul Gaultier.

Der steinerne Jüngling auf dem Podest in der Pariser Ecole des Beaux- Arts schaut aus leeren Augen auf die illustre Festgesellschaft. Für die antiken Griechen war Männerschönheit eine natürliche Selbstverständlichkeit, die sie unermüdlich in Stein meißelten. Und nun will Designer-Star Jean- Paul Gaultier auch die Gegenwart für die Verschönerung des Mannes begeistern. Zu Füßen des marmornen Griechen drängelten sich vergangene Woche mehr als 800 internationale Gäste zur Präsentation der ersten dekorativen Männerkosmetik-Serie auf dem Markt, angelehnt an Gaultiers erfolgreichen Duft „Male“.

Doch Männer, die sich pudern und die Augen nachziehen? Ist das nicht eine etwas merkwürdige Vorstellung, Monsieur Gaultier? Doch der verweist auf Traditionen anderer Völker: „Nehmen Sie doch nur mal die Tuaregs“, rät der. Klar, die stolzen Wüstensöhne sehen ganz toll aus mit ihren traditionell schwarz umrahmten Augen. Doch welche germanische Führungskraft kann da schon optisch mithalten? Gaultiers männliche Models vom Typ lässiger Latin Lover wirken toll mit umschatteten Augen. Doch schon der blond gelockte Kollege daneben sieht eher aus wie ein verhauener Engel.

Dabei gibt es durchaus schon geschminkte Männer – zum Beispiel im Fernsehen. Egal ob Talk-Gast bei Sabine Christiansen oder Moderator bei N-TV: Ohne Schminke geht nichts. Und dass Top-Manager eitel sind, beweist derzeit EU-Ratspräsident Silvio Berlusconi: Er stülpt über Kameras gerne mal einen Seidenstrumpf, weil dieser angeblich Falten verwischt. „Das ist genau der richtige Zeitpunkt“, lobt denn auch ein amerikanischer Gaultier-Gast die Idee vom schöneren Mann. Zwei erfahrene Kollegen von der maskulinen Hochglanzpresse bringen auf den Punkt, was dekorative Herrenkosmetik leisten sollte: „Das ist wie bei einem gelungenen Fotoshooting. Männerkosmetik ist gut, wenn man sie nicht sieht.“

In Paris ist also eine neue Bronzezeit für den Mann angebrochen – zumindest in Puderform. Der 53-jährige Star-Designer selbst ist auch schon elegant mattiert – und ihm zumindest steht es glänzend. Wie der griechische Jüngling trägt der französische Tausendsassa Sandalen. Darin wippen dunkelrot lackierte Fußnägel, der gleiche Lack ziert auch die kurz geschnittenen Fingernägel.

Konzentriert fährt sich ein Amerikaner in Paris mit einem Pinsel über den Handrücken, um den Gesichtspuder zuerst an unverfänglicher Stelle auszuprobieren. Also zumindest den Spieltrieb im Mann hat Gaultier mit seinen schwarzen Produkt-Bauklötzchen angesprochen, darunter auch klassische Produkte wie Seife, Duschgel oder Deo zu Preisen um die 20 Euro – ab Herbst auch in Deutschland zu haben.

Aber ist „Le Male Tout Beau Tout Propre“, so der Name der Serie, auch propper für den Business-Man, der mitten im Wirtschaftsleben steht? „Na klar“, sagt Gaultier im Gespräch mit dem Weekend Journal, „gerade für die ist gutes Aussehen heute wichtig. Das sind doch Fighter.“ Etwa mit einer Art Kriegsbemalung im Alltagskampf? Gaultier schüttelt seinen kurz geschorenen hellen Kopf: „Nein, man muss ja nicht gleich alles ausprobieren. Vielleicht erst mal einen leichten transparenten Puder und ein pflegendes Lip-Gloss. In der Freizeit kann man dann vielleicht mehr wagen.“

Manche Produkte aus Gaultiers Programm sind wirklich praktisch und vernünftig: wie der Korrekturstift, der wie ein Füllfederhalter aussieht. Mit drei kleinen unter den Augen verriebenen Pünktchen kann man Hautunreinheiten und Unebenheiten kaschieren und nach einer durchgemachten Nacht wie frisch gebügelt aussehen. Frauen kennen den Trick und haben ihren „Concealer“ schon längst im Handtäschchen. Oder der ölgetränkte Filzstift zur Pflege der Nagelhaut. „Kenn ich, benutz ich seit Jahren von meiner Frau“, reagiert ein deutscher Gast in Paris spontan. Er weiß, dass Frauen nicht nur auf knackige Pos, sondern auch auf gepflegte Männerhände achten.

Was Gaultier nicht will und was seine Vermarktungsfirma Bauté Prestige International nicht müde wird zu betonen: „Das ist keine Kosmetik für Schwule.“ Obwohl: Als Trendsetter werden sie natürlich nicht ausgeschlossen. Die Hoffnung Gaultiers: Nachdem Männer sich an Düfte fernab von Tabac und Sir Irish Moos und an Feuchtigkeitscreme gewöhnt haben, sollen sie nun den nächsten Schritt in der Kosmetik-Evolution nachvollziehen.

Sie sind bereits auf dem besten Weg: Seit Beginn des 21. Jahrhunderts investiert der deutsche Mann jährlich 610 Mill. Euro in Herrenkosmetik – Tendenz steigend, stellt der Industrieverband Körperpflege und Waschmittel (IKW) fest. Weltweit wird diesem Segment das stärkste Wachstum im Geschäft mit der Schönheit vorausgesagt, um 27 Prozent zwischen den Jahren 2000 und 2005 – das entspricht einem Wert von 13,3 Milliarden US-Dollar. Spitzenreiter bei den Männern sind nach wie vor Haarshampoos und Duschprodukte. Die höchste Zuwachsrate erzielen Pflege- und Feuchtigkeitscremes – auch wenn sie bisher nicht einmal jeder zehnte Mann benutzt.

Bleibt abzuwarten, ob Männer in Zukunft auch nach dekorativer Kosmetik greifen. In Paris schon. Im Haus der schönen Künste jedenfalls mussten die Dekorationen im Laufe von Gaultiers Gala-Abend immer wieder aufgefüllt werden – da hatte Mann sich schon selbst bedient.

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