„Gefühl der Einsamkeit“
Erste Beton-Stelen für Holocaust-Mahnmal

Für das mehr als 15 Jahre geplante Holocaust- Mahnmal in Berlin hat der amerikanische Architekt Peter Eisenman am Samstag die ersten zehn von mehr als 2700 Beton-Stelen vorgestellt.

HB/dpa BERLIN. Die bis zu fünf Meter großen grauen Betonquader sollen in unterschiedlicher Höhe aus dem unebenen Gelände am Brandenburger Tor als „wogendes Steinfeld“ über einen Pflasterboden emporragen und den Besuchern beim Durchgang das Gefühl der Einsamkeit vermitteln - „einsam, wie damals die Menschen in Auschwitz waren“, sagte Eisenman auf dem Denkmalgelände. Das Denkmal für die sechs Mill. ermordeten Juden Europas soll 60 Jahre nach Kriegsende am 8. Mai 2005 eröffnet werden.

„Hier entsteht ein Ort der Stille, an dem sich die Deutschen in der dritten Generation nach dem Holocaust sehr persönlich an die Menschheitskatastrophe erinnern sollen“, sagte der 71-jährige Eisenman auf dem Denkmalgelände. „1933 blieben die Deutschen stumm - das darf nie wieder geschehen.“

Die vom Architekten ausgesuchten Stelen-Prototypen werden nun von der Baufirma Geithner und Söhne aus Wilhelmshaven in ihrer Niederlassung im brandenburgischen Joachimsthal in Serie hergestellt und von September an auf dem 19 000 Quadratmeter großen Areal in unterschiedlicher Neigung aufgerichtet. Mit den Prototypen wird die Qualität jeder einzelnen Stele vor der Endmontage geprüft. Die Aufstellung der 2751 Blöcke soll Ende 2004 vollendet sein.

Anders als von Eisenman zunächst gewünscht, werden die dunkelgrauen Steine mit einer Anti-Grafitti-Schicht geschützt. Dadurch würden auch mögliche Unebenheiten ausgeglichen, sagte der Projektleiter der Betonfirma, Michael Kaminski. Das Denkmal gegenüber der künftigen amerikanischen Botschaft soll rund um die Uhr zugänglich sein. Bewacht werden soll es von der Polizei ohne Einsatz von Video-Kameras.

Mit dem Bau des Mahnmals in Sichtweite der einstigen Reichskanzlei Adolf Hitlers setzten die Deutschen ein deutliches Zeichen in ihrem Gedenken an den Holocaust, sagte die Initiatorin des Mahnmals, Lea Rosh. Nach mehr als 15 Jahren Planung werde diese sichtbare Erinnerung im Zentrum der deutschen Hauptstadt an dem millionenfachen Mord mit Händen greifbar. „Wir wollen hier jener Menschen Gedenken, die nicht mehr unter uns sind“, sagte Eisenman. Er wolle nach Ende der Bauarbeiten hinter sein Werk treten und als der Denkmal-Architekt vergessen werden.

Der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, zeigte sich erleichtert, dass entgegen ersten Berichten am Samstag nicht mit der Errichtung der Stelen begonnen wurde. Ein Beginn der Arbeiten am jüdischen Feiertag Sabbat wäre ein Beleidigung der Opfer und ihrer Nachkommen gewesen, sagte Spiegel der dpa. Die Denkmalstiftung habe klargestellt, dass nur die Modell-Stelen präsentiert worden seien.

Zu dem vom Bund finanzierten Denkmal mit Kosten von 27 Mill. € gehört ein „Ort der Information“, in dem die Stationen der Vernichtung der Juden dokumentiert werden. In den unterirdischen Ausstellungsräumen am Rande des Geländes sollen auch die Namen von rund drei Mill. Holocaust-Opfern öffentlich gemacht werden.

Eisenman, der als „Entwicklungshelfer der Gegenwartsarchitektur“ gilt, machte sich zunächst als Theorieproduzent und akademischer Lehrer einen Namen. 1989 wurde sein erstes Großprojekt, das „Wexner Center for Visual Arts“ an der Ohio State University in Columbus fertig gestellt. Seitdem ist er als ausführender Architekt für ambitionierte Objekte gefragt.

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