Gegen die „Entvölkerung“
Wie Spaniens Frauen in Karawanen die Dörfer besuchen

Spaniens Dörfer schrumpfen seit den 70er Jahren dramatisch. Für die Männer dort wird es einsam. Ein 55-jähriger Spanier hat deshalb eine “Frauen-Karawane” organisiert, mit der Frauen aus der Hauptstadt Madrid in die entlegenen Dörfer kommen.
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MadridDie temperamentvolle Venecia ist stolz auf ihren Manolo. Die üppige Frau aus der Dominikanischen Republik war eine der ersten, die 1995  mit dem Bus von Madrid in die spanischen Dörfer fuhren, um einen „richtigen“ Mann kennenzulernen. Statt in einen Bauern oder Handwerker vom Land verliebte sich die Lateinamerikanerin jedoch direkt in den Organisator der illustren Fahrten, Manolo Gozalo, einen rundlichen Spanier mit gefärbten blonden Haaren. Die Fahrten sind für beide eine Erinnerung an ihre eigene Love-Story.

Denn auch Manolo kommt vom Dorf, weiß, wie einsam man dort sein kann und wie schwierig das Überleben ist.  Die Entvölkerung vieler spanischer Dörfer ist so dramatisch, dass die Bürgermeisterin der zentralspanischen Gemeinde von Retortillo de Soria einen ungewöhnlichen Aufruf startete: Sie bot  Familien, die sich in ihrer Gemeinde niederlassen, Jobs und Gratis-Unterkünfte an.  Stark betroffen vom Bevölkerungsrückgang sind die Dörfer in der Region Extremadura,  an der Grenze zu Portugal, wo viele von Manolos sogenannten Karawanen hingehen.

Die ledigen Mädchen und reifen Frauen werden dabei regelrecht angekarrt. Inspiriert durch Manolos Fahrten entstand der international erfolgreiche Film  „Blumen aus einer anderen Welt“ - eine Anspielung auf den hohen Anteil der Immigrantinnen bei den Frauen-Karawanen. Auch beim heutigen Trip nach Cobos de Fuentidueña, in der zentralspanischen Provinz Segovia, findet man kaum Spanierinnen.

Kein Wunder: Mehr als 30 Prozent der rund zwei Millionen lateinamerikanischen Einwanderer in Spanien haben derzeit keine Arbeit. Sie sind besonders stark von der spanischen Wirtschaftskrise betroffen. „Viele Lateinamerikanerinnen suchen jetzt ihr Glück auf dem Dorf. Sie wollen einen Mann, ein Zuhause und Sicherheit, etwas, was die Stadt ihnen nicht mehr bieten kann“, sagt Venecia. Vielleicht ist auch deswegen heute der Bus ausgebucht.

Rund 55 Frauen aus Madrid und Umgebung begleiten Manolo und Venecia nach Cobos de Fuentidueña. „Es gibt 8000 Gemeinden im ganzen Land, die stark unter der Abwanderung der Jugend in die Stadt leiden. Wir versuchen, sie alle zu besuchen“, sagt Manolo. Und das immer ohne Übernachtung. Es wird nonstop gefeiert und dann geht es wieder zurück nach Madrid.

Der Wahl-Madrilene scheut dabei keine Mühe, auch internationale Fernsehteams nach Spanien zu bringen, damit sie von den Fahrten berichten: „Das ganze soll ja auch dem Tourismus unseres Landes etwas bringen.“ Das ist auch der Grund, warum die schüchterne Beatriz aus Ecuador mitgekommen ist: „Wir bezahlen nur 20 Euro für 24 Stunden Vergnügen, Essen inklusive und dann fahren wir noch durch eine schöne Landschaft. Da kann man sich nicht beschweren.“

Die Karawanen funktionieren wie eine  Butterfahrt, allerdings a la española. Das Publikum ist etwas jünger und schon auf dem Hinweg gibt es Sangria, damit erst einmal Stimmung aufkommt. Manolos vollbusige Frau Venecia unterhält mit ihrer lauten Stimme die Junggesellinnen im Bus. Ihr Mann fährt mit seinem alten Opel Vectra vor. Los geht es immer von Madrid. Damit auch auf der Autobahn Frauen auf ihn aufmerksam werden, steht unter seinem Kofferraum in roten Buchstaben caravanasdemujeres.com, die Internetseite, wo sich Interessentinnen für die Reisen anmelden können.

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