"Geist ist geil"
Die Sprache der Liebe ist schwer

Der Frankfurter Banker Michael W., 35, ist als Berater nicht gerade maulfaul. Aber wenn er morgens im Wolkenkratzer mit der blonden Frau im Lift nach oben schwebte, stockte ihm jedes Mal die Sprache. Die Frau war so schön, dass ihm kein Kompliment einfiel, das nicht als Klischee begriffen worden wäre.

HB Tagelang brütete er über der Ansprache. Ohne Ergebnis. Dann vertraute er sich einem Freund an. Der hatte den richtigen Tipp: Theaterregisseur Helmut Barz fragen.

Der 34-jährige Frankfurter hörte sich das Leiden des jungen W. an und hatte eine Inszenierungsidee: Zur hundertsten Fahrt eine originell gestaltete Briefkarte. Michael W. sollte die Karte "zufällig" fallen lassen, galant aufheben und dem blonden Gift überreichen. "Oh, da steht ja Ihr Name drauf . . ." Die Karte enthält einen Bekennertext verbunden mit einer Einladung zum Essen. Voller Erfolg! Inzwischen bereiten die beiden die Hochzeit vor.

Der Text stammt von Helmut Barz. Der Sohn eines Literaturkritikers bewegt sich seit frühester Jugend in der Sprache wie ein Fisch im Wasser. "Alles, was ich tue, läuft über den richtigen Satz, das treffende Wort", sagt er. Nach verheißungsvoller Theaterarbeit bekam Barz wegen der Finanzkrise in öffentlichen Kassen keine Projekte mehr. Er wich als Autor in die PR-Branche aus, merkte aber, dass das nicht so sein Metier war.

Michael W. brachte ihn auf die Idee, sein Sprachvermögen zur Profession zu machen. Helmut Barz schreibt Liebesbriefe für die, die es nicht (mehr) können. 250 Euro nimmt er für eine Seite, oder er arbeitet für einen Stundenlohn von 25 Euro. Dazu gründete er "Scriptyrium.de", ein "Atelier für Worte".

"In Scriptyrium steckt auch der Begriff Martyrium", erklärt er. Denn Liebesbriefe verfassen ist kein Kinderspiel. Es setzt intensive Gespräche voraus. Fast ausschließlich Männer werden bei ihm vorstellig, "das Gros zwischen 20 und 40, aber ich hatte auch schon über 70-Jährige hier". Barz braucht sämtliche Informationen, will von Gefühlen hören, Fotos sehen. "Manchmal gehe ich mit einem Klienten ein Bier trinken, damit er locker wird." Dann legt er einen Entwurf vor, der korrigiert werden darf. Abschließend muss der Klient den Brief handschriftlich schreiben. "Darauf bestehe ich".

Barz Erfahrung: Je höher die Stellung seiner Kunden, desto seltener können sie formulieren. Das liegt an E-Mail-Kontakten und SMS-Botschaften, "die sind in Wahrheit mehr Sprechakte wie das Telefonieren. Ein Wörter-Pingpong, nichts richtig durchformuliert."

Wie ist es um die Gesellschaft bestellt, wenn deren Mitglieder nicht mehr beherrschen, was im zwischengeschlechtlichen Umgang zur Tradition gehört? Briefe schreiben ist ein Handwerk, das in der Jugend gelernt wird; man feilt daran ein ganzes Leben. Beim erotischen Erwachen ist der Liebesbrief ein elementares Bedürfnis. Fehlt die Adresse, werden Tagebuch oder Poesiealbum gefüllt.

Doch im Zeitalter des flinken Informationsaustauschs gelten größere Anstrengungen bei der Kontaktaufnahme nicht als sexy.

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