Genossenschaften „Vater der Genossenschaften“ wird 200 Jahre alt

Genossenschaften erleben in den vergangenen Jahren eine Renaissance. Ihr Erfinder, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, würde jetzt 200 Jahre alt.
Kommentieren
Genossenschaften: Erfinder Raiffeisen wird 200 Jahre alt Quelle: dpa
Figur von Wilhelm Friedrich Raiffeisen

Am 30. März 2018 wäre der „Vater der deutschen Genossenschaften“ 200 Jahre alt geworden.

(Foto: dpa)

MainzSie helfen sich gegenseitig in den beiden rot-blauen Gebäuden, einige spielen zusammen Boule oder lernen Italienisch: In der Wohngenossenschaft „WohnArt“ in Bad Kreuznach sind die Mieter zugleich Miteigentümer. Keine Angst vor Immobilienhaien, Sicherheit und Gemeinschaftsgefühl: „Wenn einer krank ist, fährt ihn ein anderer zum Arzt oder kocht ihm eine Suppe oder spricht mit ihm“, erklärt Bewohner Heinz Zingen.

Die lange verstaubt wirkende Rechtsform der Genossenschaft erlebt in Zeiten vieler Umbrüche mit ihrer Betonung der Solidarität eine Renaissance. Ihr Ahnherr, der Westerwälder Bürgermeister Friedrich Wilhelm Raiffeisen, hat an diesem Sonntag 130. Todestag – und am 30. März steht sein 200. Geburtstag an.

„Viele Organisationen verlieren heute Mitglieder, aber bei Genossenschaften zeigt der Trend klar nach oben“, sagt der Vorsitzende der Deutschen Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft, Werner Böhnke. „Mehr als 22 Millionen Menschen in Deutschland sind Mitglied einer Genossenschaft. Die Spanne reicht von A bis Z, von Apotheker- bis zur Zweiradgenossenschaften.“

2017 hat es die Genossenschaftsidee als erste Eintragung Deutschlands in die Unesco-Liste des Immateriellen Kulturerbes geschafft.

Die Raiffeisen-Banken sind schon lange nach dem Sozialreformer benannt. Schirmherr der diesjährigen Jubiläumskampagne ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Der erste Mann im Staat betont mit Blick auch auf die vielerorts bittere Armut der Landbevölkerung im 19. Jahrhundert, Raiffeisen habe gezeigt, „was das Engagement des Einzelnen und die Solidarität vieler gerade in schwierigen Zeiten bewirken können. Das macht für mich seine Idee und sein Wirken so modern.“

Raiffeisen kam 1818 in Hamm an der Sieg als siebtes von neun Kindern zur Welt, im selben Jahr wie Karl Marx. Für Gymnasium und Uni fehlt das Geld – nach acht Jahren Militärdienst wird Raiffeisen nacheinander Bürgermeister in Weyerbusch, Flammersfeld und Heddesdorf (heute Neuwied).

Der Sozialreformer gründet den „Weyerbuscher Brodverein“ zur Verteilung von Lebensmitteln, den „Flammersfelder Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte“ mit Krediten für Bauern und den Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein. Seine „Darlehnskassenvereine“ gelten bereits als echte Genossenschaften.

Stets geht es um Solidarität und Hilfe zur Selbsthilfe. Raiffeisens Motto lautet: „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele.“ Auch in Sachsen und England gibt es seinerzeit ähnliche Initiativen. Mit etwa 30 Millionen Kunden und mehr als 18 Millionen Mitgliedern bilden heute laut Raiffeisen-Gesellschaft die Genossenschaftsbanken die größte genossenschaftliche Gruppe in Deutschland. Es gibt rund 1.000 Volksbanken und Raiffeisenbanken mit etwa 12.000 Filialen.

Auch Wohnungs-, Energie- und Breitbandgenossenschaften zum Beispiel haben eine große Bedeutung. Und Schülergenossenschaften – etwa für die Versorgung mit Essen und Schreibmaterial. Bundesweit soll es heute mehr als 1.500 Raiffeisenstraßen, -ringe, -wege und so weiter geben. In der deutschen Landwirtschaft läuft ein großer Teil des Handels nach wie vor über Agrargenossenschaften, Konzerne wie Baywa oder Agravis haben genossenschaftliche Wurzeln.

Das Ziel von Genossenschaften ist der langfristige Nutzen für die Mitglieder – bei Genossen denken heute viele eher an Sozialdemokraten. Im Vergleich zu anderen Unternehmensformen sind Genossenschaften leichter zu gründen. Jedes Mitglied beteiligt sich mit Anteilen, die das Eigenkapital des Unternehmens bilden. Unabhängig von der Höhe dieser Einlagen hat jedes Mitglied eine Stimme und damit ein Mitspracherecht bei allen Entscheidungen.

„Das führt dazu, dass der Vorstand sich um jedes Mitglied kümmern muss und sich nicht wie zum Beispiel bei Aktiengesellschaften häufig auf Großaktionäre konzentriert“, erklärt der Vorsitzende der Raiffeisen-Gesellschaft, Böhnke. „Die breite Einbindung verlangsamt bisweilen die Entscheidungen, aber sie ist ein Garant für sorgfältige Ergebnisse, die von allen mitgetragen werden.“

Genossenschaften gelten als grundsolide und bodenständig. Die Mitglieder befinden sich meist unter Gleichgesinnten – Idealismus und Solidarität statt egoistischer Zockermentalität. Böhnke betont auch: „Genossenschaften stehen unter der fachkundigen Begleitung und Prüfung durch die Genossenschaftsverbände. So blicken wir auf stabile Unternehmen, bei denen es nahezu keine Insolvenzen gibt.“

Auch der Kirchenhistoriker Michael Klein, der seine Doktorarbeit über Raiffeisen geschrieben hat, hebt dessen demokratisches Prinzip in Selbstverantwortung hervor: „So sind Genossenschaften keineswegs verstaubt, sondern auch ein Handlungsmodell für die Zukunft, dessen praktischer Nutzen unmittelbar einsichtig ist.“

Die Genossenschaft „WohnArt“ in Bad Kreuznach erhält immer wieder Besuch von Gruppen, die neugierig sind. 2013 kam ein prominenter Gast: Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Offiziell ist „WohnArt“ ein Mehrgenerationenprojekt – doch junge Familien fehlen, die 33 Bewohner sind überwiegend Senioren. Manche Banken tun sich schwer, von jungen Leuten Genossenschaftsanteile als Sicherheit für Kredite zu akzeptieren.

Dabei geht es auch um die Frage, ob diese Zinsen und Tilgung aufbringen können. Merkel sagte 2013, sie nehme diese Erkenntnis für künftige Gesetzgebungsverfahren mit nach Berlin. „Denn wir wollen ja die Generationen auch mischen.“ Nun kann sich eine neue Bundesregierung damit beschäftigen.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
  • dpa
Startseite

Mehr zu: Genossenschaften - „Vater der Genossenschaften“ wird 200 Jahre alt

0 Kommentare zu "Genossenschaften: „Vater der Genossenschaften“ wird 200 Jahre alt "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%