George W. Bush
Auf politischer Talfahrt

Alls was US-Präsident HGeorge W. Bush im September anpackte lief schief. Erst unterschätzten seine Leute das "Katrina"-Desaster, dann kam die Hilfe aus Washington viel zu spät.

HB WASHINGTON. George W. Bush hat das Gesicht eng an das Fenster der "Air Force One" gepresst. Sein Blick schweift nach unten, wo der Wirbelsturm "Katrina" eine breite Spur der Verwüstung hinterlassen hat: Weite Teile von New Orleans stehen unter Wasser, zerborstene Dächer liegen wie ausgekippte Streichhölzer auf dem Boden, in den Evakuierungszentren drängen sich ausgehungerte Farbige. Und der US-Präsident schaut zu - losgelöst, abgehoben. Als ob er nichts mit dem Hurrikan zu tun hätte, der mit brutaler Gewalt über die Bundesstaaten Louisiana, Mississippi und Arkansas hinweggefegt war.

Bushs Imageberater hatten mit dem Flug über das Katastrophengebiet Mitgefühl und Verantwortungsbereitschaft demonstrieren wollen. Stattdessen wurden die Bilder zum PR-Flop des Jahres. Alles, was Bush in jenen frühen Septembertagen anpackte, lief schief. Erst unterschätzten seine Leute das "Katrina"-Desaster, dann kam die Hilfe aus Washington viel zu spät. Und als der Präsident schließlich im Süden aufkreuzte, wuselte er wie ein Wesen von einem anderen Stern durch die Trümmerwüste. Mit hochgekrempelten Ärmeln und heller Sommerhose klapperte er eine Baustelle nach der anderen ab, nahm Flüchtlinge in den Arm. Doch die Gesten wirkten aufgesetzt und einstudiert.

Das war nicht mehr der George W. Bush, der kurz nach dem 11. September 2001 inmitten der Schutthaufen von "Ground Zero" zu Polizisten und Feuerwehrleuten sprach. Ihnen Trost, Hoffnung und Zuversicht gab, bis er durch Jubelstürme und "USA, USA"-Rufe unterbrochen wurde. Von jener magischen Aura des obersten Schutzherrn der Nation war im Sommer 2005 nichts mehr übrig. Kein Wunder, dass er in den Meinungsumfragen von einem Tiefpunkt zum nächsten sackte.

"Katrina" beschleunigte Bushs politische Talfahrt, doch begonnen hatte sie schon viel früher. Im Januar, kurz nach seiner triumphalen Wiederwahl, präsentierte er sich noch als der große innenpolitische Reformator. Die Teilprivatisierung der Rentenversicherung und die Vereinfachung des Steuersystems sollten als innenpolitische Meilensteine in die Geschichte eingehen. Mit glänzenden Augen und sanft rudernden Armen versuchte Bush, die Amerikaner für seine Vision zu erwärmen - ein bisschen Hybris war auch dabei. Aber trotz einer monumental inszenierten 60-Tage- 60-Städte-Tour lief Bush gegen eine Wand: Die Bürger wünschten sich nach den Börsenpleiten von Enron und Worldcom zumindest bei der staatlichen Altersvorsorge ein Ruhekissen gegen die Launen des Kapitalmarktes. Die Überzeugungskraft des Präsidenten hatte spürbar nachgelassen.

Nach "Katrina" ging es Schlag auf Schlag. Zunächst gerieten Bushs engste Mitarbeiter in den Strudel der CIA-Leak-Affäre. Die Enttarnung der Agentin Valerie Plame sei ein Racheakt gegen deren Ehemann, einen vehementen Gegner des Irak-Krieges, wetterten Kritiker. Dann vergraulte Bush durch die Nominierung seiner Rechtsberaterin Harriet Miers für das Oberste US-Bundesgericht den konservativen Flügel der Republikaner. Die 60-Jährige sei ein juristisches Leichtgewicht und keine Hardlinerin, maulten die Rechten. Auf einmal wurde es auch in Bushs eigener Partei schick, gegen den Präsidenten zu stänkern. Mal forderten die "Defizit-Falken" einen strikteren Kurs gegen die ausufernde Staatsverschuldung. Mal fuhr der Senat der Regierung in die Parade und pochte auf einen "angemessenen Übergang" im Irak.

Eine wachsende Zahl von Parlamentariern verspürte plötzlich den Drang, sich angesichts der Kongresswahlen im November 2006 vom unpopulären Chef des Weißen Hauses abzusetzen. Die Regierung gab dem Druck schließlich nach: Das Verteidigungsministerium signalisierte, in den nächsten Monaten mit einem beträchtlichen Teilrückzug vom Golf zu beginnen. Ende 2005 wirkt George W. Bush wie ein Getriebener, nicht mehr wie ein Handelnder.

Michael Backfisch
Michael Backfisch
Handelsblatt / Korrespondent
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