Germanwings-Absturz
Die riskanten Worte des Lufthansa-Chefs

Am Tag, als er die Germanwings-Maschine 4U 9525 abstürzen ließ, war Andreas L. krankgeschrieben. Zuvor soll er in psychiatrischer Behandlung gewesen sein. Doch für Lufthansa-Chef Spohr war er „100 Prozent flugtauglich“.
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DüsseldorfEs ist schwierig, in einer Stresssituation, wie sie nach dem Germanwings-Absturz entstanden ist, stets die angemessenen Worte zu finden. Lufthansa-Chef Carsten Spohr versucht es – und trifft den richtigen Ton. Er spricht von „Alptraum“ und „Tragödie“, fassungslos sei die Lufthansa-Familie angesichts der Tat eines ihrer Mitglieder. Sein Mitleid gilt den Angehörigen der 150 Toten.

Und noch eines ist Carsten Spohr wichtig, als er am Donnerstag, zwei Tage nach dem Absturz, vor die Presse tritt: Er will keinen Zweifel aufkommen lassen an der Klasse der Lufthansa-Piloten. Andreas L., der sich als Co-Pilot im Cockpit einschloss und über den französischen Alpen den Sinkflug einleitete, sei ein tragischer Einzelfall gewesen. Was mitschwingt: ein unvermeidbarer Fall. Und dann sagt Spohr: „Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit.“

Eine Erklärung, die angesichts der jüngsten Entwicklungen fragwürdig geworden ist. Denn der Todespilot des Germanwings-Jets war am Absturztag nach Angaben der Staatsanwaltschaft Düsseldorf krankgeschrieben. Bei der Durchsuchung von Andreas L.s Wohnungen in Düsseldorf und Montabaur haben die Ermittler zerrissene Krankschreibungen gefunden, die auch den Tattag umfassten. Seinen Arbeitgeber informierte Andreas L. darüber nicht. Stattdessen trat er seinen Dienst an und setzte er sich ins Cockpit der Germanwings-Maschine, Flug 4U 9525.

Medienberichte, wonach Andreas L. an einer psychischen Erkrankung litt, bestätigte die Staatsanwaltschaft nicht. Wie die „Rheinische Post“ unter Berufung auf Ermittler berichtete, soll der Co-Pilot zwei Krankschreibungen von verschiedenen Ärzten gehabt haben. Das Universitätsklinikum Düsseldorf bestätigte, dass Andreas L. ihr Patient war. Er sei im Februar und zuletzt am 10. März vorstellig geworden, teilte die Klinik mit. „Es handelte sich um diagnostische Abklärungen. Einzelheiten unterliegen der ärztlichen Schweigepflicht.“

Die Krankenakten wollte die Klinik noch im Laufe des Tages der Staatsanwaltschaft Düsseldorf übergeben. „Meldungen, wonach Andreas L. wegen Depressionen in unserem Haus in Behandlung gewesen sei, sind jedoch unzutreffend“, erklärte eine Sprecherin.

Fakt ist, dass Andreas L. seine Piloten-Ausbildung 2008 für einige Monate unterbrach. Dass wusste und kommunizierte auch Lufthansa-Chef Spohr auch. Später habe Andreas L. aber alle Prüfungen bestanden. Nach Lufthansa-Angaben war er zunächst als Flugbegleiter tätig, bis er ab 2013 als Pilot eingesetzt wurde. Laut Carsten Spohr waren die fliegerischen Leistungen von Andreas L. einwandfrei. Es sei davon auszugehen, dass der 27-Jährige seinem Arbeitgeber die aktuelle Erkrankung verheimlicht habe, erklärte die Staatsanwaltschaft Düsseldorf. Noch ist unklar, inwieweit Kollegen von den gesundheitlichen Problemen wussten. Hatte es doch Auffälligkeiten gegeben? Hinweise, die eine genauere Untersuchung der Flugtauglichkeit nötig gemacht hätten?

Nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung befand sich Andreas L. vor sechs Jahren insgesamt eineinhalb Jahre in psychiatrischer Behandlung. Er sei in seinen Flugschulkursen mehrfach wegen Depressionen zurückgestuft worden. Beim Abschluss der Ausbildung 2009 sei eine „abgeklungene schwere depressive Episode“ diagnostiziert worden. Auch die Akte des Co-Piloten beim Luftfahrtbundesamt weise auf psychische Probleme hin: Darin befinde sich der Vermerk „SIC“.

Die Abkürzung stehe dabei für „besondere regelhafte medizinische Untersuchungen“, sagte ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums. Zur Existenz eines solchen Vermerks wollte sich der Sprecher unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht äußern. Grundsätzlich verwalte das Luftfahrtbundesamt (LBA) die Lizenzen und auch die Flugtauglichkeitszeugnisse der Piloten.

Das LBA hat mittlerweile beim Aeromedical-Center der Lufthansa um Einsicht in die Akten des Co-Piloten gebeten. Das LBA werde die Unterlagen anschließend der französischen Staatsanwaltschaft übergeben, sagte ein LBA-Sprecher am Freitag. „Ein Lizenz-Inhaber muss sich ein Mal pro Jahr bei einem zugelassenen Fliegerarzt vorstellen und von diesem immer wieder ein neues Tauglichkeitszeugnis ausgestellt bekommen“, so der Sprecher. Das Tauglichkeitszeugnis des Flugmediziners muss dann dem Luftfahrt-Bundesamt vorgelegt werden.

In der Lizenz und im medizinischen Tauglichkeitszeugnis können Auflagen und Einschränkungen eingetragen sein. Das reicht vom Hinweis auf das Tragen einer Brille bis zum Vermerk „SIC“.

Hinterbliebene der Opfer des Germanwings-Absturzes sollen nach Unternehmensangaben eine finanzielle Überbrückungshilfe bekommen. Eine Lufthansa-Sprecherin bestätigte am Freitag einen entsprechenden „Tagesspiegel“-Bericht. „Lufthansa zahlt bis zu 50.000 Euro pro Passagier zur Deckung unmittelbarer Ausgaben“, zitierte die Zeitung (Samstag) einen Germanwings-Sprecher.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Germanwings-Absturz: Die riskanten Worte des Lufthansa-Chefs"

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  • Sollte es sich wirklich um einen Konvertiten mit deutschen Wurzel gehandelt haben, werden wir das sicher erfahren, wenn auch nicht in deutschen Medien! Dann sollten sich allerdings alle, die das bis dahin vertuschen möchten, sehr warm anziehen!!!

  • Bei solch laxen Sicherheitsvorschriften bei LH/GW und ja anscheinend generell hierzulande sollte man doch bitte mal Nachhilfe in Russland nehmen: Dort müsen sich sämtliche Piloten und Copiloten vor JEDEM Flug kurz einem Arzt stellen, der die Leute lange kennt und einen kurzen Check macht. Kommen ihm die Leute irgendwie ungewöhnlich vor, werden sie für den Flug "gegrounded" und ein Ersatzpilot fliegt. Die gegroundede Person hat davon aber KEINERLEI sonstige Nachteile und auf diese Weise verhindert man, dass aus Karrieregründen o.ä. gelogen wird. Was in Russland geht, sollte ja wohl hier auch möglich sein, und es ist ein Skandal, dass das nicht schon längst so ist.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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