Germanwings-Absturz
Ist die ärztliche Schweigepflicht zu streng?

Hätte der Arzt des Germanwings-Co-Piloten den Arbeitgeber über die Krankschreibung informieren sollen? Oder müssen? Politiker und Experten streiten, inwieweit die ärztliche Schweigepflicht im Einzelfall reichen sollte.
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BerlinSollte die ärztliche Schweigepflicht für Angehörige sensibler Berufsgruppen gelockert werden? Die Diskussion über diese Frage gewinnt vor dem Hintergrund der Germanwings-Katastrophe an Fahrt. Der CDU-Verkehrsexperte Dirk Fischer forderte eine Lockerung der Schweigepflicht für sensible Berufe: „Piloten müssen zu Ärzten gehen, die vom Arbeitgeber vorgegeben werden. Diese Ärzte müssen gegenüber dem Arbeitgeber und dem Luftfahrtbundesamt von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden sein“, sagte Fischer der „Rheinischen Post“.

Der Bundestagsabgeordnete Thomas Jarzombek (CDU) schlug eine Expertenkommission vor, die die Frage klären solle, wie mit ärztlichen Diagnosen bei Menschen in besonders verantwortungsvollen Berufen wie Piloten umzugehen sei. Der 27 Jahre alte Co-Pilot des Unglücksfluges 4U 9525 soll seinem Arbeitgeber nach Erkenntnissen der Ermittler eine Erkrankung verheimlicht haben. Für den Tag des Absturzes in Südfrankreich war er krankgeschrieben.

Die Staatsanwaltschaft hat mittlerweile Zugriff auf Krankenhaus-Akten über den Co-Piloten. Knapp eine Woche nach dem Absturz übermittelte das Uniklinikum Düsseldorf seine Unterlagen am Montag der Ermittlungsbehörde, wie eine Klinik-Sprecherin am Montag sagte. Der 27-Jährige, der nach bisherigen Erkenntnissen den Airbus mit 150 Menschen an Bord absichtlich abstürzen ließ, war vor einigen Wochen als Patient an das Uniklinikum gekommen. Dabei ging es den Angaben zufolge um „diagnostische Abklärungen“, die aber bislang offiziell nicht näher erläutert wurden.

Die Übergabe der Akten war ursprünglich für Freitag angekündigt worden. Für Berichte, wonach der Co-Pilot an starken psychischen Problemen und auch Sehstörungen gelitten haben soll, war bislang keine Bestätigung zu erhalten. Ob die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft am Montag noch neue Informationen bekanntgeben wollte, war offen.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach betonte in der „Bild“-Zeitung, wenn Leib und Leben anderer Menschen gefährdet seien, sei „der Arzt verpflichtet, den Arbeitgeber über die Arbeitsunfähigkeit des Mitarbeiters zu informieren“. Weiter sagte er: „Dies gilt ganz besonders im Fall psychischer Erkrankungen und einer möglichen Selbstmordgefahr.“

Dem widerspricht Hans-Werner Teichmüller, der Präsident des Deutschen Fliegerarztverbandes: „Dem Arbeitgeber dürfen wir gar nichts mitteilen. Da haben wir gar keine Berechtigung zu“, sagte Teichmüller am Montag im ZDF-„Morgenmagazin“. In diesem Fall hätte der Arzt lediglich das Luftfahrtbundesamt informieren dürfen. Auch der der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, warnte vor „vorschnellen politischen und rechtlichen Entscheidungen“. Die ärztliche Schweigepflicht sei „ebenso wie das verfassungsrechtlich geschützte Patientengeheimnis ein hohes Gut und für alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland ein Menschenrecht“.

Nach aktueller Rechtsprechung dürfen Ärzte Auskunft geben, wenn sie von der Schweigepflicht entbunden worden sind oder wenn etwa „besonders schwere Verbrechen“ verhindert werden sollen oder eine Gefahr für Leib und Leben besteht (§ 138 und 34 Strafgesetzbuch).

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100 Ermittler in „Soko Alpen“

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  • "SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach betonte in der „Bild“-Zeitung, wenn Leib und Leben anderer Menschen gefährdet seien"

    Wenn so ein Politikerschlaumeier das wirklich ernst gemeint hätte, wäre es an der SPD und an diesem ernannten Gesundheitsexperten gewesen, ein entsprechendes Gesetz einzubringen. Wer schlägt denn die Gesetze vor?

    Nachher versuchen sich zu profilieren entspicht dem bisherigen Bild von Politikern
    als Schlauxxxxx

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.


  • Piloten müssen sich einer jährlichen Gesundheitsüberprüfung unterziehen. Und wer die nicht besteht, bekommt keine Flugerlaubnis.

    Dieser Check sollte auch auf psychische Untersuchungen erweitert werden.

    Wo also, wäre das Problem?

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