Germanwings-Unglück
Der Umgang mit dem Unfassbaren

Im Krisenzentrum in Seyne, nahe der Absturzstelle des Germanwings-Flugzeuges, arbeiten Experten an der Aufklärung des Unglücks. Handelsblatt-Korrespondent Thomas Hanke gibt Einblick in das schwierige Treiben vor Ort.
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SeyneAm Abend sind im Krisenzentrum in Seyne, dem kleinen Bergdorf rund drei Kilometer Luftlinie von der Stelle des Absturzes, noch rund 120 Feuerwehrleute im Einsatz. Einsatz bedeutet: Sie warten auf die Ergebnisse eines Briefings, das Klarheit über ihre nächsten Aufgaben bringen soll. „Bislang dürfen nur die Spezialkräfte der Gendarmerie an den Ort des Unglücks, sie bereiten alles für die Justizpolizei vor“, sagt ein Offizier der Feuerwehr im Leitungswagen. „Fünf von ihnen sind über Nacht oben im Berg geblieben.“ Überlebende gibt es nicht, da sind sich die Rettungskräfte sicher, deshalb hat jetzt die Sicherung aller Spuren absoluten Vorrang.

Vor der Mehrzweckhalle von Seyne sind Dutzende von Feuerwehrautos geparkt. Und über hundert Autos von Journalisten. Ein halbes Dutzend Übertragungswagen mit gleißend hellen Lampen erleuchten den Platz. Noch immer stehen die Kollegen der Nachrichtensender vor laufenden Kameras.

Es gibt noch keine Erkenntnisse über den Hergang des Unfalls. Der Ablauf wird schwer zu rekonstruieren sein, weil das Flugzeug in kleine Stücke zerschmettert wurde, von denen die meisten die steilen Hänge hinuntergerollt sind und sich auf einer Talsohle gesammelt haben.

Ein kleines Pressezentrum ist in Seyne improvisiert worden. Man hört französisch, deutsch, italienisch, spanisch und viel katalanisch. Die katalanische regionale Regierung mit Sitz in Barcelona hat eine Delegation geschickt. Sie bildet die C-Prominenz, die B-Prominenz war schon vorher kurz da: spanische, französische und deutsche Verkehrsminister. Und Frank Walter Steinmeier, der die Vorhut bildet für die Chefs, die am Mittwoch gegen 14 Uhr erwartet werden: Hollande, Merkel und Rajoy.

Die wirklich Betroffenen werden noch in der Nacht und am frühen Morgen eintreffen: Die Familien der Opfer. „Wir haben Zimmer für sie organisiert, so gut es ging“, sagt Dominique Baron, stellvertretender Bürgermeister des Dorfes. Vor allem sind Dolmetscher und Psychologen für die Betreuung herbeigerufen worden. Auf sie wartet eine extrem heikle Aufgabe: Den Hinterbliebenen, die ihre Lieben betrauern wollen, müssen sie vermitteln, dass es keine Körper gibt, vor denen sie sich verneigen können. Das kann, das will niemand verstehen. Die Reste der Körperteile, die in den nächsten Tagen gefunden werden, müssen in ein Spezialinstitut in Marseille geschafft werden, um dort mühsam identifiziert zu werden.

Das Unfassbare passt so überhaupt nicht zu der professionellen Geschäftigkeit der Krisenstäbe, Notfall- und Rettungsoperation, die ablaufen. Man spürt sogar in diesem entlegenen Bergdorf, wie gut unsere hoch entwickelten Gesellschaften mittlerweile auf Katastrophen vorbereitet sind. Wir antworten mit moderner Technik auf das völlig Unverständliche, um es irgendwie in unsere Routinen zu bannen. Bis spät in die Nacht rollen schwere Lastwagen des Zivilschutzes durch den Ort. Per Helikopter und zu Fuß müssen die Bruchstücke abtransportiert werden, um später auf Lkw verladen zu werden.

Ein paar Wochen wird Seyne im Schatten des Germanwings-Fluges leben, der an einer kargen Bergkette zerschellt ist. Im französischen Fernsehen versichern Luftfahrtexperten aus unserem Nachbarland, dass Germanwings eine „ausgezeichnete“ Airline sei, an der es nichts auszusetzen gebe. Sie sind extrem fair, denn auch sie wissen, dass sich die Piloten selbst Fragen über die Sicherheit stellen.

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris

Kommentare zu " Germanwings-Unglück: Der Umgang mit dem Unfassbaren"

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  • irgend wo schrieb ein handelsblättler
    eine größere katastropfe hat es hier zu lande nicht gegeben

    leider doch

    interflug il 62 nach burgas im august 1972

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