Gesellschaftsentwicklung
Lebenserwartung hat sich mehr als verdoppelt

Die Lebenserwartung in Deutschland hat sich in den vergangenen 135 Jahren mehr als verdoppelt. Das hat das Statistische Bundesamt bekannt gegeben. Mit Perspektiven für die deutlich wachsende Zahl immer älterer Menschen tut sich die Gesellschaft jedoch schwer.

HB FRANKFURT/MAIN. „Wir haben dafür keine Vorbilder“, sagt der wissenschaftliche Geschäftsführer des Dortmunder Instituts für Gerontologie, Eckart Schnabel. Er warnt davor, die alternde Gesellschaft auf Kranke und Pflegefälle zu reduzieren: „Die meisten Alten leben noch in einer gewissen Unabhängigkeit.“ Gerhard Reutter vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung stellt fest: „Die Betriebe haben den demographischen Faktor bisher noch kaum berücksichtigt.“

Ein jetzt ein oder zwei Jahre altes Mädchen kann nach einer neuen Modellrechnung des Statistischen Bundesamtes mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von bis zu 90,4 Jahren rechnen. Damit hätte diese Frau noch rund 25 Jahre vor sich, wenn sie mit 65 Jahren in den Ruhestand ginge. Bei einem Mann des Jahrgangs 2004 wären es noch fast 20 Jahre. Jungen des Geburtsjahrgangs 1871 konnten lediglich mit 39,1 Jahren, Mädchen mit 42,1 Jahren rechnen. Von den Männern des Geburtsjahrgangs 2004 werden der Modellrechnung zufolge rund 92 Prozent 65 Jahre alt werden. Bei den Frauen sind es sogar 96 Prozent. Den 85. Geburtstag erleben danach voraussichtlich noch 80 Prozent der Frauen und 62 Prozent der Männer.

Das Modell basiert auf Generationensterbetafeln und arbeitet mit zwei verschiedenen Rechentrends. Diese Tafeln zeigen die durchschnittliche Lebenserwartung eines Neugeborenen, unter Berücksichtigung der möglichen künftigen Entwicklung der Sterblichkeit. Grundlage ist die Zivilbevölkerung im früheren Bundesgebiet. Die Hochrechnung geht davon aus, dass es künftig keine Kriege, Umwelt- oder Wirtschaftskatastrophen geben wird, die sich nachhaltig negativ auf die Lebenserwartung auswirken. Gleichzeitig wird erwartet, dass die Sterblichkeit weiter zurück geht.

„Was machen wir mit dem ganzen Potenzial? Auf diese Frage ist die Gesellschaft noch gar nicht vorbereitet“, stellt Schnabel fest. Derzeit arbeiteten von den Beschäftigten mit mittlerer Qualifikation im Alter von 55 bis 64 Jahren nur noch etwa 40 Prozent. Sie hätten künftig rein rechnerisch noch 30 oder 40 Jahre vor sich. „Eine unglaubliche Zeitspanne.“

„Es ist eine große Herausforderung für die Betriebe, die über 50- Jährigen viel stärker ins Boot zu holen“, sagt Reutter. Dafür gebe es bislang jedoch bloß einige Modellversuche. Vor allem kleinen und mittleren Unternehmen fehle eine strategische Personalpolitik. Sie wüssten zwar, dass sie in wenigen Jahren ihre Fachkräfte nicht immer neu schöpfen könnten, „viele wissen aber selbst nicht, wo sie in zwei Jahren am Markt stehen“. Reutter verlangt ein neues Lernverständnis. „In vielen Betrieben wird der, der lernt, immer noch als defizitär begriffen, nach dem Motto: „Der hat es nötig“, statt zu begreifen, wie notwendig das Lernen ist.“

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