Gesundheit
Ekelfleisch-Skandal nimmt neue Dimensionen an

Der Ekelfleisch-Skandal in Bayern hat sich zu einem der größten Fälle von Fleischmanipulation in Deutschland ausgeweitet. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Memmingen wurde wesentlich mehr ungenießbares Fleisch nach Berlin geliefert als bislang bekannt.

dpa MEMMINGEN/WERTINGEN. Ermittlungen hätten ergeben, dass von Juni 2006 an insgesamt 140 bis 160 Tonnen umetikettierte Fleischabfälle von einem Betrieb aus Wertingen an verschiedene Berliner Lebensmittelfirmen geliefert und vermutlich verzehrt wurden, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft am Freitag der Deutschen Presse-Agentur dpa. Die EU-Kommission sei bereits informiert, sagte Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) in München.

Bei Aufdeckung des Skandals waren die Ermittler zunächst lediglich von 31 Tonnen umetikettierter Ware ausgegangen. 11,5 Tonnen davon hatten die Behörden beschlagnahmen können. Den Berliner Behörden war im Gegensatz zu den neuen Angaben aus Bayern bis zum Freitag nur die Lieferung von 49 Tonnen bekannt. Von November 2006 bis Juni 2007 habe es 15 Lieferungen an ein Berliner Unternehmen gegeben. „Das ist der bisherige Kenntnisstand, den das bayerische Landesamt für Gesundheit uns mitgeteilt hat“, sagte ein Sprecherin der Berliner Gesundheitsverwaltung. Auch in den vergangenen Tagen hatte es schon unterschiedliche Angaben zwischen Berlin und Bayern darüber gegeben, wieviel Ware in die Hauptstadt gegangen ist.

Die ersten Untersuchungsergebnisse von Proben der beschlagnahmten Fleischlieferung aus Wertingen haben den Ekelfleisch-Verdacht bestätigt. Das Fleisch war zum Teil „optisch auffällig“ oder roch ranzig, faulig und muffig und war deutlich alt, teilte das Bayerische Landesamt für Lebensmittelsicherheit nach der Untersuchung von elf Proben mit. „Das Fleisch ist zum Teil ekelerregend“, lautete das Fazit. Weitere 50 Proben seien noch nicht abschließend ausgewertet.

Bayerns Verbraucherschutzminister Werner Schnappauf (CSU) erklärte, nach derzeitigem Ermittlungsstand seien Fleischabfälle aus Norddeutschland über mehrere Stationen und mehrere Länder zu lebensmitteltauglich umetikettierter Ware nach Berlin gelangt. Dort sei die Ware zu Dönerspießen verarbeitet und in acht Bundesländer verschickt worden, wo sie vermutlich verzehrt wurde.

Ein Sprecher Schnappaufs sagte, der Wertinger Betrieb habe keine Zulassung für den Handel mit sogenannter K3-Ware gehabt. Die Abnehmer der Lieferungen hätten trotz der regulären Kennzeichnung der Ware als „lebensmitteltauglich“ wegen der preislich „überdurchschnittlich günstigen Lieferungen“ misstrauisch werden müssen. Die Zulieferfirma aus Schleswig-Holstein habe als Bestimmungsort der Fleischabfall- Lieferungen Belgien angegeben, obwohl die Fracht nach Bayern ging. Seehofer sagte, durch die belgische Adresse habe der Fall möglicherweise auch eine europäische Dimension.

Der Skandal war durch den Hinweis eines Lastwagenfahrers aufgedeckt worden. Ein Sprecher des Dillinger Landratsamtes, das für die Betriebskontrollen zuständig ist, erklärte, die Veterinäre seien von dem Beschuldigten, einem einschlägig vorbestraften 56-Jährigen, regelrecht ausgetrickst worden. „Die K3-Ware ist angekommen, wurde umetikettiert und weg war sie.“ Die Firma sei vorher bereits verstärkt und ohne Beanstandungen überprüft worden. Der Beschuldigte hat laut Staatsanwaltschaft Memmingen ein Geständnis abgelegt.

Der Gammelfleisch-Skandal beruht nach Ansicht der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) auf strukturellen Problemen in der Fleischindustrie. „Die Beschäftigten in dieser Branche stehen unter einem enormen Kostendruck. Da hat jeder Angst, seinen Arbeitsplatz zu verlieren, wenn er bei solchen Praktiken nicht mitmacht“, sagte NGG- Chef Franz-Josef Möllenberg dem „Tagesspiegel“.

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