Gläserner Mensch
Pi mit Daumen

2008 ist das „Jahr der Mathematik“. Aus diesem Grund ist es angebracht, einmal über die zunehmende Berechenbarkeit unseres Lebens nachzudenken, denn laut des Bundesdatenschutzbeuftragten Peter Schaar haben ínformationstechnische Syteme "schleichend Besitz von unserem beruflichen und privaten Alltag ergriffen." Revoltieren jetzt Zahlenmann und Söhne?

Die Zeiten ändern sich. Ob das gut für sie ist, die Zeiten, das müssen die Beteiligten von Fall zu Fall immer wieder neu entscheiden. Welch stetigem Wechsel sie, Zeiten wie Zeitgenossen, ausgesetzt sind – tempora mutantur, nos et mutamur in illis –, darüber lässt sich in diesen Wochen anhand einer Debatte über Speicherdaten sinnieren, die aus dem Internet kommen, und über Zahlenkolonnen, die aus der Statistik fallen.

Quasi passend zum soeben angelaufenen „Jahr der Mathematik“ haben wir uns eine Weile in das Für und Wider der Sammlung von Zahlen und Fakten begeben. Wir haben – darf der Schäuble das? – einen gepflegten Diskurs über Speichern und Löschen von persönlichen Digitalnachrichten angezettelt, der intellektuell und politiktheoretisch vielleicht auf hohem Niveau stattfindet, krawall- und widerstandspraktisch aber unterste Klippschule ist, jedenfalls verglichen mit dem Heroismus der 80er-Jahre. Damals gab es keinen Leitartikler und Sonntagsredner, der nicht aus George Orwells „1984“ zitierte, und kein Studentenklo, in dessen Tür nicht „Big Brother is watching you“ geritzt war.

Die Späthausfrauen, Seniorenstudenten, Frühpensionäre und sonstig übriggebliebenen Libertinisten unter uns werden sich erinnern, dass 1986 und 1987 ein millionenfacher Boykott die amtlich verordnete Volkszählung beinahe verhindert hätte.

Unvergessen, wie beiderseits der Barrikaden die Faschistenkeule rhetorisch geschwungen wurde, wie es zu Hausdurchsuchungen (selbst in Parteizentralen) und zensurähnlichen Disziplinierungen kam und wie sich erstmals die Begehrlichkeit des Staates an der lustvollen, widerspenstigen Skepsis seiner Bürger messen musste. Die aufsässigen Citoyens fanden es damals ungerechtfertigt, wenn nicht unerhört, einem Bundesamt das eigene Haushaltseinkommen mitzuteilen oder über die Bewohnerzahl der Einliegerwohnung Auskunft zu geben.

Viele Bürger schmissen seinerzeit, Glashäuser bewohnend, ein klein bisschen mit Steinen, im Wesentlichen aber mit falsch ausgefüllten Fragebögen und waren im „Volkszählungsboykott“ vereint, jedenfalls in erstaunlicher Zahl. Immerhin gelang es, das Bundesverfassungsgericht zu historisch bedeutsamen Urteilen zu bewegen, die das Private und das Öffentliche und das Staatliche sorgsamer voneinander schieden; die Sehnsucht des Staates, einmal erhobene Daten vielleicht sogar miteinander verknüpfen und personalisieren zu können, wies Karlsruhe in ihre Grenzen. Der „gläserne Bürger“ war abgewendet und konnte allenfalls mit DDR-Einreiseerlaubnis im Dresdener Hygiene-Museum begafft werden. Die Aufregung legte sich, das Volk ließ sich schließlich zählen – und wir erfuhren, dass wir hier weniger als gedacht waren, dort mehr. Dass wir uns hier etwas wohlhabender, dort etwas ärmer gerechnet hatten. Alsbald – gibt’s eigentlich nichts Neues? – rannten neue Säue durchs bundesrepublikanische Dorf.

Seither hat sich viel geändert, unter anderem sind zum Besuch des „gläsernen Menschen“ Pass- und Einreiseformalitäten nicht mehr unbedingt vonnöten. Das nächste Mal werden wir Deutschen in drei Jahren vermessen, und schon jetzt zeichnet sich ab, dass wir diesen Zensus nicht als Zensur schmähen, sondern ihn in einer ähnlich demütigen Gelassenheit hinnehmen werden wie wir uns dem alljährlichen Diktat einer Magendarmgrippe beugen. Wir werden feststellen, dass wir hier ein bisschen frommer geworden sind, dort ein bisschen heidnischer. Diesseits der Oder ein bisschen ältlicher, rechtsrheinisch ein bisschen arbeitsamer. Hernach wird das so abgezählte Volk sich wie gewohnt wieder ad acta legen und den Staat einen guten Nachtwächter sein lassen, der uns alle mal so was von kann.

Das alles wäre der Gegenrede nicht weiter wert, wenn es nicht doch ein wenig aufschlussreicher wäre als gedacht. Denn nie zuvor wussten fremde Leute – nie sahen wir sie, nie begegneten sie uns – so viel über uns wie heute. „Informationstechnische Systeme“, schreibt Peter Schaar, „haben schleichend Besitz von unserem beruflichen und privaten Alltag ergriffen, und wir sind dabei, uns an immer umfassendere Kontrolle und Überwachung zu gewöhnen.“ Schleichend! Gewöhnen!

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