Grass-Dokumentarfilm
Beim Häuten eines Nobelpreisträgers

Lieber zu früh als zu spät: Zu seinem 80. Geburtstag schenkt sich Günter Grass einen Kinofilm über das eigene Leben. Mit dem Film ist Grass im Reinen, mit sich selbst offenbar noch nicht. Denn seine Kritiker dürfen zwar zusehen, aber nicht mitreden. Eine Handelsblatt-Reportage.

DÜSSELDORF. Vor der transparenten Popcorn-Maschine, die in Großbuchstaben Süße verspricht, steht der Nobelpreisträger, fest mit beiden Beinen auf dem Teppichboden. Er trägt, was er fast immer zu tragen scheint, gelbbraunen Tweed, und er tut, was ein Günter Grass so tut: Unermüdlich signiert der Autor Bücher und Zeichnungen – und Kinoplakate mit seinem gestrichelten Konterfei. Kino?

Seinen 80. Geburtstag feiert Grass eigentlich erst am 16. Oktober, aber beschenkt hat er sich schon einmal selbst: mit einem Kinofilm. Der Streifen mit dem Titel „Der Unbequeme“, der am Donnerstag bundesweit in 57 Kinos anläuft und später im ZDF und auf Arte ausgestrahlt wird, setzt dem Autor und Künstler ein außerordentlich freundliches Denkmal. Was daran liegen könnte, dass Günter Grass wohl dafür gesorgt hat, dass die, denen er in seiner Karriere quer kam, im Film nicht zu Wort kommen.

Der Nobelpreisträger bleibt lieber unter Gleichgesinnten. Bei der kleinen Premiere im Untergeschoss des Autorenkinos „Savoy“ in Düsseldorfs Bahnhofsviertel ist die Schlange der Aficionados lang. Abgewiesen wird natürlich kein Fan. Großschriftsteller Grass genießt die Huldigungen. Draußen wärmt die Frühlingssonne. Unten im Kinokeller ist ein Stück Vergangenheitsbewältigung angesagt – auf Grasssche Art.

Zwei Jahre gewährte der Schriftsteller den Filmemachern Einblick in den Entstehungsprozess seines letzten Buchs „Beim Häuten der Zwiebel“. Der Zuschauer sieht Günter Grass in Göttingen, in Warschau, in Paris und natürlich in Lübeck, wo er seit langem lebt, und in Danzig. Über seine polnische Heimatstadt sagt er: „Ich fühle mich unter Freunden.“ Nun ja, manch einer dort und anderswo mag Günter Grass eher nicht mehr Freund sein, seit er in seinem jüngsten Buch auf den Seiten 127 und 128 einräumte, als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein.

Um das ein wenig späte Bekenntnis des bissigen linken Gesellschaftskritikers kommt der Geburtstagsfilm zwar nicht herum. Doch erwähnt die eineinhalbstündige Dokumentation mit dem Titel „Der Unbequeme“ Grass’ Zeit unter der Doppelrune eher beiläufig. „Wenn man mir die Funktion ,Gewissen der Nation’ abspricht, habe ich nichts dagegen“, verkündet Grass dazu von der Kinoleinwand selbstgerecht.

Kein Räuspern im Saal, kein Unmut. Die Fans haben ihm längst vergeben. Günter Grass beobachtet die 250 Gäste im Düsseldorfer Kino ganz genau. In der letzten Reihe hat der Autor von Romanen wie „Die Blechtrommel“, für die er 1999 den Nobelpreis erhielt, „Der Butt“ (1977) oder „Die Rättin“ (1986) Platz genommen. Auf der Leinwand teilt der Hauptdarsteller überlebensgroß mit: „Ich wollte nicht an die Rampe treten und sagen: Ich war in der Waffen-SS.“

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