Größter Stromausfall der US-Geschichte
Blackout legt Nordamerika lahm

Einen Tag nach Beginn des schwersten Stromausfalls in der Geschichte Nordamerikas herrschte am Freitag weiter Unklarheit über die Ursache des Desasters. Massive Kritik wurde am überalterten Energienetz der High-Tech-Nation laut.

HB/dpa NEW YORK. „Wir sind eine bedeutende Supermacht mit einem Stromnetz der Dritten Welt“, sagte der demokratische Gouverneur und Ex-Energieminister Bill Richardson (New Mexico). Auch US-Präsident George W. Bush wertete den Blackout als Zeichen dafür, dass das Versorgungsnetz modernisiert werden müsse. „Das war ein Weckruf“, sagte Bush während eines Besuchs in Kalifornien.

Bei Gluthitze war am Donnerstagnachmittag im Nordosten der USA und im Süden Kanadas der Strom großflächig ausgefallen. Betroffen waren Millionen-Metropolen wie New York und Detroit (Michigan) sowie die größte kanadische Stadt Toronto. Nach US-Angaben saßen zeitweilig rund 50 Mill. Menschen im Dunkeln. Noch am Freitagmittag (Ortszeit) hatten Hunderttausende keinen Strom.

Viele mussten sich auf ein ganzes Wochenende ohne Licht, teilweise ohne Telefon und - bei sengender Hitze - ohne Klimaanlage einstellen. Der Blackout breitete sich in nur drei Minuten blitzartig aus. 21 Elektrizitätswerke, darunter neun Kernkraftwerke, fielen in einem Domino-Effekt nacheinander aus. In der Stadt New York und in Michigan wurde der Notstand ausgerufen.

Vergleichbarer Blackout in Deutschland angeblich nicht möglich

Nach Darstellung von Energiekonzernen, Technikexperten und Bundesregierung ist ein so massiver Stromausfall in Deutschland nicht möglich. Hier sei eine viel höhere Versorgungssicherheit gewährleistet. Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) sagte im Deutschlandradio Berlin, in den USA werde Strom bis an die Grenze des Lieferbaren verbraucht. Dagegen produziere die Deutschland einen Überschuss an Elektrizität.

Die USA und Kanada wiesen sich gegenseitig die Schuld für den Stromausfall zu. Die US-Bundespolizei FBI ging von einer technischen Ursache im Stromnetz aus. Auch Bush erklärte, es gebe keinen terroristischen Hintergrund. Der New Yorker Gouverneur George E. Pataki forderte Aufklärung. „Ich möchte wissen: Warum ist das passiert? Und warum wurden die Schritte, die unternommen werden sollten, damit dies nicht mehr passieren kann, nicht unternommen?“

Der Blackout hatte nach Angaben der Netzbetreiber um 16.11 Uhr am Donnerstagnachmittag begonnen. Kurz vor Beginn des abendlichen Berufsverkehrs brach Chaos auf den Straßen aus. Zehntausende Menschen saßen Stunden lang in dunklen Zügen oder voller Angst in Fahrstühlen fest. Wegen der Hitze in den Häusern zogen es viele vor, die Nacht im Freien zu verbringen. Im New Yorker Bahnhof Grand Central Station warteten tausende Gestrandete auf eine Gelegenheit, nach Hause zu gelangen.

40 000 Sicherheitskräfte patrouillierten auf den Straßen New Yorks. Anders als beim letzten großen Stromausfall 1977 kam es diesmal kaum zu Plünderungen.

Betroffen von dem Stromausfall waren neben New York, Detroit und Toronto auch die Großstädte Cleveland (Ohio) und Ottawa (Kanada). In der Automobilstadt Detroit wurde eine volle Wiederherstellung der Versorgung erst für Sonntag erwartet.

Während in einigen Gebieten der Metropole New York die Lichter bereits am Donnerstagabend wieder angingen, warteten viele Menschen in Manhattan am Freitag noch immer. Der U-Bahn-Verkehr blieb zunächst eingestellt. Viele Menschen folgten einem Aufruf von Bürgermeister Michael Bloomberg und blieben zu Hause. Die New Yorker Börse, der größte Aktienmarkt der Welt, öffnete wieder.

Während des Blackouts kam es laut Bloomberg in New York zu 60 schweren Bränden. Dabei sei ein Mensch ums Leben gekommen und ein Feuerwehrmann verletzt worden. Häufigste Brandursache waren dem Bürgermeister zufolge Kerzen. Mehr als 800 Menschen seien aus still stehenden Aufzügen befreit worden. Auch in der kanadischen Stadt Ottawa starb ein 15-Jähriger bei einem Brand in einem Wohnhaus. Bereits 1965 und 1977 war es in Nordamerika zu schweren Stromausfällen gekommen.

Erinnerung an den 11. September 2001

Der Blackout wirkte sich auch auf den internationalen Luftverkehr aus. So gab es Behinderungen bei Flügen von und nach Deutschland. Fluglinien strichen Flüge. Auch an europäischen Flughäfen wirkte sich das Desaster aus. Insgesamt äußerten sich städtische Vertreter in New York lobend darüber, wie ruhig und vernünftig sich die Bevölkerung verhielt. Tatsächlich war nur anfangs stellenweise Panik zu spüren, als Bürger glaubten, es handele sich um eine Terrorattacke vergleichbar dem 11. September 2001.

Zunächst war angenommen worden, dass ein Blitzeinschlag im Kraftwerk Niagara Mohawk im US-Bundesstaat New York für den Ausfall des gesamten Netzes verantwortlich sei. Diese Vermutung wurde unter anderem von Seiten der kanadischen Regierung geäußert, aber von den Behörden in New York entschieden zurückgewiesen. Später hieß es in Kanada, das Problem habe in einem Kraftwerk in Pennsylvania begonnen.

Das amerikanische Stromnetz funktioniert so, dass sich von Überlastung betroffene Kraftwerke bei Netzwerk-Problemen sofort abschalten, um schwerwiegende Schäden an ihren Anlagen zu vermeiden. Es ist aber auch so ausgelegt, dass Blackouts eigentlich sofort eingegrenzt und damit auf ein kleines Gebiet beschränkt bleiben sollten. Dies ist offensichtlich nicht gelungen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%