Großfeuer in China
Pekings „Unterhose“ – Schandfleck und Mahnmal

Das ausgebrannte Gebäude der neuen Zentrale des Staatsfernsehens CCTV sorgt in China für Volksspott und Medien-Kritik. Ursache des Feuers in dem 159 Meter hohen Gebäude, bei dem ein Feuerwehrmann ums Leben kam und sieben Menschen verletzt wurden, war ein spektakuläres Feuerwerk, das CCTV ohne Erlaubnis zum Abschluss des chinesischen Neujahrsfestes am Montagabend vor einer Woche organisiert hatte.

PEKING. "So ein Schandfleck", schimpft der Taxifahrer und haut wütend auf den Lenker. Ob er sich dabei mehr über den Pekinger Stau oder über das große Gebäude neben der sechsspurigen Ringstraße ärgert, spielt in diesem Moment keine Rolle. Die Wut muss einfach raus. "Warum mussten die für Millionen so einen Mist bauen, wenn sie auf der anderen Seite der Stadt schon eine schmucke Sendezentrale mit Fernsehturm haben?", poltert der hagere Chinese weiter. "Eigentlich ist der Brand die gerechte Strafe für so einen Größenwahn", so Volkes Stimme.

Der Schandfleck - er ist einfach nicht zu übersehen. 159 Meter sind eben eine stolze Höhe, da helfen auch die hohen Bauzäune nichts, die um das Gelände der neuen CCTV-Zentrale im Herzen Pekings errichtet wurden. Jeder sieht sie, die ausgebrannten schwarzen Löcher der Fassade. Der Ruß hat sich eingebrannt wie in ein gigantisches Brikett, an dem nun täglich die Massen im Schritttempo vorbeipilgern.

Zum Glück blieb das von Stararchitekt Rem Koolhaas entworfene, in sich verdrehte Hauptgebäude unversehrt. Und zum Glück war der gesamte Komplex noch nicht bezogen, stand auch das im Nordturm eingerichtete Hotel leer. Doch die Diskussion um den Brand, der in Windeseile das Nebengebäude zerstört hat, ist auch nach gut einer Woche in der chinesischen Hauptstadt nicht erloschen.

Und so wie die Bilder von den leckenden Flammen um alle Welt gingen, hat der Brand im chinesischen Internet heftigen Spott und bissige Kritik entfacht. Denn anders als das "Vogelnest", das Pekinger Olympiastadion, mochten die meisten Chinesen den protzigen CCTV-Bau noch nie. Er bekam im Volksmund den wenig schmeichelhaften Namen "Große Unterhose" verpasst.

Und dann auch noch der von CCTV durch ein riesiges Firmen-Feuerwerk selbst verursachte Brand. Zwölf Personen sitzen in Haft. Keiner der Hauptverantwortlichen aus dem Staatssender, schimpfen die Kommentare: "Die Soldaten werden geopfert, damit der General überlebt."

Vor allem aber, dass der Staatssender Nummer eins - mit einem Dutzend TV-Kanälen - das Desaster an dem Unglücksabend selbst kaum vermeldete, während bereits weltweit alle Medien darüber berichteten, lässt Pekings Volksseele kochen. Hätte die britische BBC-Zentrale oder das Zentrum des US-Senders CNN gebrannt, wäre das sicher alles live und immer wieder gezeigt worden, merken Internetkommentare hämisch an.

Und ein Blogger namens Caii spöttelt, CCTV sei wohl mit der Berichterstattung über die Brände in Australien so sehr beschäftigt gewesen, "dass man offensichtlich dass Feuer im eigenen Haus vergaß."

So ist der Schandfleck am dritten Ring inzwischen zu einer Art Mahnmal geworden. Das ausgebrannte Hochhaus ist eine stumme Anklage, gegen die Arroganz der chinesischen Propaganda-Fürsten. Selbst die Polizei, die das überdimensionierte und nicht genehmigte Feuerwerk kurz zuvor noch unterbinden wollte, sei von Sender-Mitarbeitern einfach abgewimmelt worden, wird berichtet. Das passt ins Bild der Großmacht CCTV.

Der Sender ist in den 50 Jahren seines Bestehens unter den Fittichen der allmächtigen Einheitspartei so etwas wie eine eigene Macht im Staate geworden. So kam es nach dem Erdbeben in der chinesischen Provinz Sichuan vor einem Jahr zu geradezu kuriosen Szenen als CCTV-Teams versuchten, ausländische Reporter an der Berichterstattung zu behindern. Meist waren es dann die als Rettungstrupps eingesetzten chinesischen Soldaten, die für Pressefreiheit sorgten und alle filmen ließen.

Darum geht es auch dem 27jährigen Han Han keineswegs mit Blick auf das verhängnisvolle Feuerwerk keineswegs um Schadenfreude, das - wie viele Kommentare im Internet anmerken - der mit Abstand unterhaltsamste CCTV-Beitrag der vergangenen Jahrzehnte gewesen sei. Han Han ist einer der populärsten Blogger in China, der mit bissigen Kommentaren den Alltag Chinas verfolgt. Und wie viele Chinesen mag er den Monopolsender nicht besonders, da CCTV zu oft "die Lüge über die Wahrheit gestellt, die öffentliche Meinung manipuliert, Fakten verdreht, Missetaten verheimlicht, Probleme vertuscht und falsche Bilder der Harmonie gezeigt" habe.

Han Han ist nicht allein. Erst Anfang Januar hatten chinesische Intellektuelle dazu aufgerufen, CCTV einfach zu boykottieren. Vor diesem Hintergrund bekommt der Brand, seine fragwürdige Ursache und das große Schweigen danach einen ganz besonderen Bedeutung. Denn der Vorfall zeigt nach Ansicht vieler Chinesen, wie verlogen die Staatsmedien in der Volksrepublik agieren. Sie würden noch immer "so wie vor 50 Jahren" der Partei und der Propaganda folgen, so Han Han.

Seine Kommentare im Internet wurden inzwischen ebenso von den Zensoren gelöscht wie der Aufruf zum CCTV-Boykott Anfang Januar. Doch die Bewohner um das ausgebrannte Gebäude und die Autofahrer auf der Ringstraße lassen sich nicht löschen. "Wir werden doch nie erfahren, warum das Ding wirklich abgebrannt ist", sagt eine alte Frau, die in einem der Plattenbauten neben der "Unterhose" wohnt.

Und auf der Ringstraße schüttelt der Taxifahrer noch immer den Kopf über "den Schandfleck", den man schon von weitem sieht. "Jetzt sind die Hosen runter", meint er lachend unter Anspielung auf den Spitznamen des noch stehenden Glitzerbaus. "Vielleicht sehen jetzt mal alle, was wirklich los ist."

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%