Grubenunglück in der Türkei
Die Wut richtet sich gegen Erdogan

Nach dem schwersten Grubenunglück in der Geschichte der Türkei werden Vorwürfe gegen die Regierung laut. Ministerpräsident Erdogan muss sich rechtfertigen. Doch der spielt das Unglück als Arbeitsunfall herunter.
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SomaTrauer, Verzweiflung, Wut - und viele Fragen, die auf Antworten warten: Nach dem schwersten Grubenunglück in der Geschichte der Türkei werden nicht nur Vorwürfe gegen den Betreiber des Bergwerks laut. In Istanbul demonstrierten am Mittwochabend mehrere tausend Menschen gegen Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, die Polizei ging mit Tränengas und Wasserwerfern gegen die Menge vor.

In Ankara kam es ebenfalls zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten. Auch in anderen Städten des Landes kam es zu Protesten. In Soma wurde Erdogan nach einem Besuch der Unglückszeche bei einem Rundgang durch die Stadt ausgebuht. Verärgerte Anwohner schmissen Fensterscheiben ein und forderten seinen Rücktritt.

Die Regierungspartei blockte erst kürzlich einen Antrag ab, angebliche Sicherheitsmängel in der Grube untersuchen zu lassen. Der Gewerkschaftsbund DISK spricht von einem „Massenmord“.

„Die Zeit arbeitet gegen uns“, sagte Energieminister Taner Yildiz. Bei dem Grubenunglück im westlichen Soma starben mindestens 282 Menschen, dutzende Kumpel wurden am Mittwochabend noch vermisst. Damit ist das Grubenunglück in Soma das schlimmste in der Geschichte der Türkei. Bei dem bisher schlimmsten Unglück kamen 1992 bei einer Gasexplosion in einem Bergwerk bei Zonguldak am Schwarzen Meer 263 Kumpel ums Leben.

Eine dunkle Rauchwolke stand über dem Zechengelände, während Angehörige der Bergleute hinter Absperrungen verzweifelt auf Nachrichten über das Schicksal der Vermissten warteten. Ein Kühlhaus, in dem sonst Melonen gelagert werden, wurde als provisorische Leichenhalle genutzt. Unter den Opfern sei auch sein 15-jähriger Neffe, erklärte ein Mann im Fernsehen. Energieminister Yildiz widersprach. Es sei „unmöglich“, dass ein 15-Jähriger in einem Bergwerk arbeite.

An den Rettungsarbeiten waren rund 400 Helfer beteiligt. Sie kämpfen aber in der Grube mit dichtem Rauch und hohen Konzentrationen von Kohlenmonoxid. Die meisten Opfer dürften an dem Gas erstickt sein. Für Empörung bei vielen Zuschauern sorgte ein Experte, der im türkischen Fernsehen eine Kohlenmonoxid-Vergiftung als „süßen Tod“ bezeichnete, weil das Opfer einfach ohnmächtig werde und keine Schmerzen spüre. Schon nach einem Grubenunglück am Schwarzen Meer, bei dem vor vier Jahren 30 Kumpel starben, hatte der damalige Arbeitsminister Ömer Dincer erklärt, die durch Kohlenmonoxid umgekommenen Bergleute seien einen „schönen Tod“ gestorben.

Ministerpräsident Erdogan sagte am Mittwoch eine geplante Reise nach Albanien ab und besuchte stattdessen den Unglücksort. Er traf gegen Mittag mit einer großen Delegation an der Zeche ein, informierte sich vor Ort über die Bergungsarbeiten, tröstete trauernde Frauen, kündigte lückenlose Ermittlungen an, doch spielte das Unglück zugleich als „gewöhnliche Sache“ herunter.

„Da ist etwas in der Literatur, was man 'Arbeitsunfall' nennt“, sagte Erdogan vor Journalisten, die ihn nach den Verantwortlichen für die Katastrophe fragten. „Das passiert auch anderswo. Es ist hier passiert, es liegt in seiner Natur. Es ist nicht möglich, dass es in Bergwerken keine Unfälle gibt. Natürlich schmerzt uns das Ausmaß hier zutiefst“, fügte Erdogan hinzu. Schon vor vier Jahren hatte er nach einem Grubenunglück erklärt, der Tod gehöre nun mal zum „Schicksal“ des Bergmannsberufs.

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Opposition hatte Untersuchung der Mine gefordert

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  • Die Schakale werden die Proteste zu nutzen wissen. Gülen wird im amerikanischen Exil für seine Machtübernahme präpariert. Hoffen wir, dass es nicht endet wie in Syrien.

  • @ Hasan
    Die Sicherheitsmängel in den Bergwerken waren bekannt. Hier muss man vor allem fragen: Warum werden Minen eines Landes überhaupt privatisiert und wer profiert ausser Erdogarsch noch davon?

  • Dabei müßte es nichteinmal einen Richtungswechsel bedeuten, nähme Erdogan die Sorgen der Bürger in der Türkei ernst.
    Wer weiß, vielleicht hat Erdogan noch nicht so recht verstanden, dass viele seiner Wähler ihn aus Gewohnheit und nicht wegen seiner überragenden politischen Leistungen wählen,

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