Gunther von Hagens „Plastinarium“
In Guben entsteht ein Leichenmuseum

Ein bizarres Panoptikum mit Poker spielenden Leichen entsteht derzeit im südbrandenburgischen Guben: In einem Backsteinkomplex lässt der umstrittene Anatom Gunther von Hagens das nach seinen Angaben weltweit erste Plastinarium einrichten.

HB GUBEN. Es soll die Herstellung anatomischer Präparate von Mensch und Tier zeigen. Insbesondere die Kirche übt scharfe Kritik an dem Projekt.

Drei Wochen vor der Eröffnung herrscht in dem Gebäude direkt am Neiße-Ufer emsige Betriebsamkeit: Arbeiter malern, sägen oder gießen Beton für neue Fußböden. Bis zum 17. November muss zumindest im Erdgeschoss des vierstöckigen Hauptgebäudes, das gegenüber von polnischen Plattenbauten liegt, alles fertig sein.

„Nach der Eröffnung können täglich bis zu 5000 Besucher durch die Räume gehen und einen Blick hinter die Kulissen der Plastination von Mensch und Tier werfen“, erläutert der 61-jährige von Hagens, der das Heidelberger Institut für Plastination leitet. Passend zu der früheren deutschen Hutmetropole Guben trägt er auch hier sein Markenzeichen, einen schwarzen Hut.

Die Hälfte der etwa 300 Meter langen Immobilie, die früher zur Gubener Wollfabrik gehörte, beherbergte bis zum Sommer das Rathaus. Nach kontroverser Debatte verkaufte die Stadt sie im Frühjahr an von Hagens. Die andere Gebäudehälfte stand seit der Wende leer und muss erst aufwendig saniert werden.

„Bisher habe ich eine Million Euro investiert, und in den nächsten drei Jahren sollen es drei Mill. sein“, erläutert der Anatom. In Guben beschäftigt er 33 Menschen, darunter polnische Spezialisten. In ein paar Jahren sollen es 200 Mitarbeiter sein. 700 Bewerbungen seien bereits eingegangen, berichtet von Hagens' persönliche Referentin Nadine Diwersi.

Das Plastinarium hat eine Fläche von 2500 Quadratmetern. Zum Beginn des Rundganges erhält der Besucher Einblick in die Geschichte der Anatomie und die Entwicklung der Plastination. Es schließt sich die 1000 Quadratmeter große Werkstatt an, wo Mitarbeiter unter den Augen der Besucher Unterrichtspräparate herstellen und von 2007 an auch große Tierplastinate. Zum Schluss sollen in einem Schauraum Lehrpräparate gezeigt werden. Das wohl spektakulärste Stück ist eine Pokerrunde plastinierter Menschen, die im neuen James-Bond-Film „Casino Royale“ zu sehen sein wird.

Derweil warten im Innenhof des Komplexes noch viele marode Gebäude darauf, umgebaut zu werden, beispielsweise zu einem Filmstudio und zur Annahmestelle für Leichen von Körperspendern. Es sind diese Körper, die seit Ende 2005, als die Pläne für eine Plastinationswerkstatt bekannt wurden, monatelang für heftige Debatten um Menschenwürde, Moral und Ethik sorgten. Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP) trat dabei immer vehement für das Projekt des Plastinators ein und wehrt sich gegen den Beinamen „Leichenstadt“ für Guben.

Dagegen scharte die Evangelische Kirche die Kritiker im Aktionsbündnis für Menschenwürde um sich. Der Gubener Pfarrer Michael Domke verurteilt die öffentliche Zur-Schau-Stellung von Leichen. „Der menschliche Körper wird hier zur Ware gemacht, die fabrikmäßig bearbeitet wird.“ Deutlicher als zuvor steht derweil die Mehrheit der 23 000 Einwohner von Guben zu dem Projekt. In der Grenzstadt ist jeder Vierte arbeitslos.

„Wir brauchen hier Arbeitsplätze“, sagt Rentner Erhard Geller. „Außerdem erhöht das Plastinarium die Attraktivität unsere Stadt hier am Ostrand von Deutschland.“ Ähnlich sieht das Pensionär Helmut Moelle: „Es wäre außerdem gut, wenn sich die Kritiker genau so intensiv mit dem Schicksal der Lebenden hier beschäftigen würden wie mit der Würde der Toten.“

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