Hässliche benachteiligt
Das Vorurteil im Leib

„Anti-Lookism“ ist der Schlachtruf gegen die Diskriminierung der Hässlichen und die Bevorzugung des Schönen. Doch ästhetische Urteile gehören zum Menschsein dazu und sind so fest in uns eingeschrieben, dass die Kampagne wohl kaum Erfolgschancen haben wird.

DÜSSELDORF. „Fragt eine Kröte, was Schönheit ist“, spottet Voltaire, „dann wird sie antworten, das sei das Weibchen mit den schönen, runden Augen, die aus dem kleinen Kopf hervorstehen, dem breiten, platten Maul, dem gelben Bauch und dem braunen Rücken.“ Und der Teufel, so Voltaire weiter, „wird euch sagen, das Schöne sind zwei Hörner, vier Pfoten mit Krallen und Schwanz.“

Schönheit ist relativ, so wie Hässlichkeit. Zweifellos unterscheidet sich jedoch ein rein optisch schöner Mensch von einem hässlichen. Aus dieser Verschiedenheit ergeben sich für die jeweils Betroffenen Vor- oder Nachteile. In jüngster Zeit werden die rein äußerliche Bewertung und die damit einhergehende Diskriminierung von Menschen, die nicht dem vorherrschenden Schönheitsideal der Gesellschaft entsprechen, „lookism“ genannt. Der in Deutschland noch unpopuläre Ausdruck, der erstmals 1978 im „Washington Post Magazin“ zu lesen war, steht im englischen Sprachraum mittlerweile in Wörterbüchern und wird in der Wissenschaft verwendet.

In der deutschsprachigen Wikipedia ist der Begriff schon erklärt, mit dem Verweis auf eine Anti-Lookism-Kampagne und ihre Website lookism.info. Ganz im Gegensatz zu dem, was ihr Name verspricht, ist die Internetseite leider wenig informativ. Niemand bekennt sich namentlich als Autor der Seite. Aus Angst vor Diskriminierung? Lookism wird hier ohne erklärende Theorie wahllos in eine Reihe mit Rassismus und Sexismus gestellt. Ein fast voyeuristisch anmutendes Interview mit einer „Sexpertin“ namens Laura Méritt über „Sexualitäten, feministische Pornos und Lookism“ lässt schließlich vermuten, dass Lookism hierzulande vor allem für eine extrem feministische Szene eine Bedeutung hat.

Der Vorwurf der Anti-Lookism-Bewegung lautet: Schöne Menschen werden in fast allen gesellschaftlichen Bereichen des Lebens positiver behandelt als hässliche. Lehrer geben hübscheren Schülern bessere Noten, die schöne Kellnerin kassiert mehr Trinkgeld als ihre garstige Kollegin, der besser aussehende Politiker erhält mehr Stimmen, auf dem Arbeitsmarkt bekommen Schönere schneller einen Job und mehr Gehalt. Vor allem in der Liebe haben die Schönen entscheidende Vorteile.

Ist die Welt wirklich so unfair? Seit jeher erliegen Menschen der Versuchung, vom äußeren Erscheinungsbild einer Person auf deren Charakter, Geist und Seele zu schließen – die Begeisterung für „Physiognomik“ reicht von Aristoteles über die ebenso berühmten wie irreführenden Abhandlungen Johann Casper Lavaters bis zu den perversen Rassenvorstellungen der Nationalsozialisten.

Der Grund für die Versuche, einen Zusammenhang zwischen Äußerem und Innerem zu schaffen, war stets die Faszination für die Schönheit. Mit ihr verband man zum einen die Ideale menschlicher Größe und Intelligenz. Die Vermengung von „schön“ und „gut“ hat Sozialwissenschaftlern zufolge nichts mit der Sozialisierung zu tun, da sich ein Schönheitsstereotyp schon im Alter von sechs Monaten nachweisen lässt. Zum anderen machte die Faszination der Schönheit immer schon ihr erotischer Reiz aus. In der Schönheit liegt Eros.

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