Handelsblatt-Reportage
„Katrinas“ Schatten überall

Wirbelsturm „Rita“ vertrieb Millionen Menschen von der texanischen Golfküste – doch das ganz große Chaos blieb aus.

GALVESTON/HOUSTON. Am Tag danach gleicht Galveston noch immer einer Geisterstadt. Viele Fenster sind mit Holzbrettern vernagelt. Auf den Straßen türmen sich Palmzweige, Äste oder ganze Baumstämme. Kaum eine Mülltonne steht noch aufrecht. Der Ort, der auf einer Insel liegt, wirkt wie ausgestorben.

Von den rund 60 000 Einwohnern des schmucken Bade-Paradieses am Golf von Mexiko sind höchstens 2 000 zurückgeblieben, schätzt Dee Baldwin. Der 56-jährige Altenpfleger ist einer der wenigen, die dem Hurrikan „Rita“ getrotzt haben. „Die Leute hatten die Satellitenbilder gesehen und sind danach wie in Panik geflohen“, meint er. „Der Schock, dass ein Mega-Sturm wie ‚Katrina’ die Region verwüsten könnte, saß tief.“

Doch „Rita“, die mit der zweithöchsten Kategorie 4 angekündigt worden war, ging am frühen Samstagmorgen kurz vor der texanischen Küste etwas die Puste aus. Zudem drehte sie weiter östlich Richtung Louisiana. Galveston blieb damit von der befürchteten Katastrophe verschont.

Baldwins Mietshaus hat außer einem Stromausfall keine größeren Schäden erlitten. Und darauf nimmt er erst einmal einen tiefen Schluck aus seiner „Budweiser“-Dose. Ursprünglich habe auch er geplant, sich und seine Familie in Sicherheit zu bringen, sagt Baldwin. „Aber meine Frau wollte dann doch hier bleiben und sich um ihre kranke Mutter kümmern.“

Einige haben Galveston nicht den Rücken gekehrt, weil sie an Wunder glauben. Die 23-jährige Verceia Shaw war am Freitagabend in der Holy Rosary Church beten, einer katholischen Kirche mitten in der Stadt. „Der Heilige Geist hat mir die Gewissheit gegeben, dass er mich vor ‚Rita’ beschützt“, betont die farbige Kunststudentin. Sie trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Catch the wave to the future“.

Als sie um viertel vor acht bei peitschendem Regen nach Hause gejoggt sei, habe ein Polizeiwagen neben ihr angehalten, erzählt Verceia. „Sind Sie okay?“ habe der Beamte sie gefragt. „Ich wusste, dass mir nichts zustoßen würde.“ Paul Benet, der Pfarrer der Holy Rosary Church, hat die Stadt dagegen trotz seines Gottvertrauens verlassen. „Der Bischof hat es angewiesen“, unterstreicht der 84-Jährige.

Am Samstagabend ist er aus Kemy, einem Vorort von Houston, zurückgekehrt. In seinem Wohnzimmer stapeln sich noch die Kisten, in denen ein paar Habseligkeiten sowie die Reliquien seiner Gemeinde verstaut sind. Dem Priester ist es gelungen, vorzeitig nach Hause zu kommen. Der Bürgermeister hatte die Rückreise offiziell erst ab Sonntagmorgen um sechs Uhr freigegeben. Seitdem rollen Tausende Autos über die Betonbrücke, die zur Insel führt.

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