Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“
Am Anfang war der Schmerz

Seit Liu Xuan bei Olympia 2000 Gold im Turnen gewann, ist sie ein Star in China. Um ihrem Vorbild zu folgen, plagen sich Zehntausende Kinder in staatlichen Sportschulen.

PEKING. Nur kurz verharrt Liu Xuan auf dem Schwebebalken. Noch einmal holt sie tief Luft. Volle Konzentration, jeder Muskel ist angespannt. Dann zwei schnelle kräftige Schritte auf dem vibrierenden Holz, schon wirbelt die junge Sportlerin im rot-gelben Dress durch die Luft. Sie wagt einen spektakulären Abgang mit Doppelsalto, Chinas Turnwelt hält den Atem an.

Als Liu Xuan sicher auf der blauen Matte landet, brechen die Zuschauer in Jubel aus. Die Olympia-Halle von Sydney ist außer sich. Das muss sie sein, die Goldmedaille im Frauenturnen. Aus der Startnummer 322 ist ein Star geworden.

„Es gibt viele schöne Momente im Leben, aber dieser ist für mich unvergesslich“, sagt die Goldmedaillengewinnerin heute. Für die damals 21-Jährige wurde bei den Sommerspielen im Jahr 2000 nicht nur ein Traum war. Für die zierliche Frau, die schon mit fünf Jahren trainierte und mit 13 Jahren in der chinesischen Nationalmannschaft turnte, hatte sich mit einer perfekten Übung endlich alle Plagerei bezahlt gemacht – die einsamen Stunden im Sportinternat, das knochenharte Training, die Kindheit voller Schmerzen.

Acht Jahre später hat Liu ihren Erfolg auch zu Geld gemacht. Heute trifft man sie nicht mehr in einer von Schweiß und Gummi miefenden Sporthalle; bei den am 8. August beginnenden Olympischen Spielen im eigenen Land tritt sie nicht mehr an. Heute trifft man Liu Xuan vor allem in Pekings Szene-Restaurants.

Inzwischen ist sie eine der beliebtesten Filmschauspielerinnen Chinas. Daneben wirbt die 29-Jährige für chinesische Kosmetik, sie versucht sich als Popsängerin, im Fernsehen tritt sie als Moderatorin auf. Jedes Kind in China kennt Liu Xuan. Sie ist der lebende Beweis dafür, dass härtestes Training und höchster sportlicher Erfolg im Namen der Nation sich auszahlen – in sozialem Aufstieg.

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