Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“
Der Herr der Türme

Vom Bauernsohn zum Milliardär: Pan Shiyi ist der Immobilien-Tycoon Chinas. Seine Gebäude verkörpern das schicke, moderne, internationale Reich der Mitte.

PEKING. Jeder Schritt schmerzt. Tief drücken sich die Steine durch die Schuhe hindurch in die wunden Füße. Doch der Junge geht weiter, auch wenn sich die scharfen Kanten immer wieder in das Fleisch ritzen. Es ist nicht mehr weit bis zum Heimatdorf, wo die Familie wartet. Und er soll seine kleine Schwester, die er auf dem Rücken schleppt, schnell nach Hause bringen.

Die Eltern konnten die Familie mit fünf Kindern nicht mehr ernähren, sie mussten zwei kleine Mädchen weggeben. Doch dann quälten die Mutter Alpträume, da wurde der kleine Shiyi losgeschickt, eine der Schwestern zurückzuholen. „Ich habe sie mehr als zehn Kilometer über die Berge getragen“, sagt Pan Shiyi. „Als ich ankam, hatte ich keine Sohlen mehr unter den Schuhen.“

Reflexartig zieht der inzwischen 45-Jährige seine Füße unter dem strahlend weißen Bürotisch hervor. So, als habe er die abgelatschten Treter von damals noch immer an. Doch statt der mit Lehm verschmierten Schuhe kommen italienische Designermodelle zum Vorschein – bestes Leder, neuestes Modell, lässig ausgetreten. Und vor allem teuer. Der arme Bauernjunge von einst ist heute Milliardär, er ist einer der berühmtesten Immobilien-Tycoons Chinas.

Gemeinsam mit seiner Frau Zhang Xin führt er die Soho China Ltd. Das Unternehmen ist keineswegs der größte unter Chinas Immobilienentwicklern, doch Soho ist der Star der Branche. Keiner lässt so modern, so international und so hell in Peking bauen wie Pan Shiyi. Soho ist schick, Soho ist cool, Soho ist trendy. Und Soho ist sehr profitabel. „Wir kümmern uns wirklich um das Design“, sagt der smarte Manager, „das unterscheidet uns von den Konkurrenten.“

Soho – das Kürzel steht für „small office, home office“ – bietet multifunktionale Büroviertel, wo Arbeiten und Wohnen, Beruf und Freizeit zusammengehören. Soho kauft Grundstücke, bebaut sie und verkauft die neuen Wohneinheiten. „Man muss Räume schaffen, in denen sich die Menschen wohlfühlen“, erklärt Pan. In Zukunft, ist er überzeugt, werden die Grenzen zwischen den eigenen vier Wänden und der täglichen Arbeitswelt noch mehr verschwimmen.

Und im sich rasant entwickelnden China zählt die Zukunft. Abbruch, Umbruch, Aufbruch – kein Land hat sich in den vergangenen 30 Jahren so verändert wie die Volksrepublik. Kaum eine Industrie macht den Wandel so sichtbar wie Chinas Immobilienbranche. Ob Olympia-Stadt Peking oder Boom-Metropole Schanghai – überall im Land entstehen Flughäfen, Sportstadien, Bürotürme. Immer werden architektonische Superlative geboten, verdrängt das Neue das Alte.

Auch in Peking mussten historische Stadtviertel mit ihren Hofhaus-Gassen – Hutongs genannt – modernen Wolkenkratzern weichen. Soho allein hat 2,5 Millionen Quadratmeter im Pekinger Geschäftsviertel bebaut, ist zum größten Büroentwickler in der Hauptstadt geworden. Der Wandel muss sein, ist Firmengründer Pan überzeugt, nur mit einer Stadt der kurzen Wege lasse sich der Verkehrs- und Umweltinfarkt in Boomstädten wie Peking vermeiden.

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