Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“
Gefoltert, aber nicht gebrochen

An der Seite demonstrierender Studenten bot Han Dongfang 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking dem chinesischen Regime die Stirn. Heute kämpft er im Hongkonger Exil für die Rechte der Arbeiter in seiner Heimat.

HONGKONG. Dass etwas mit ihm nicht stimmt, merkt Xu Yundong, als der ständige Husten einfach nicht aufhören will. Beim Treppensteigen kommt der Arbeiter völlig außer Atem; immer wieder plagen ihn Schwindelanfälle. Monatelang hat Wanderarbeiter Xu in einer Fabrik im südchinesischen Perlflussdelta Edelsteine geschliffen. In der Werkshalle kreischen die Sägen, überall ist Quarzstaub, er hängt wie eine dicke Wolke in der stickigen, ungelüfteten Halle, legt sich auf Maschinen und Menschen, dringt in jede Pore ein, kriecht in die Bronchien und Lungen.

Als die Beschwerden immer schlimmer werden, geht Xu zum Arzt. Die Diagnose ist niederschmetternd: Silikose, chronische Staublunge. Die Behandlungskosten kann er nicht aufbringen, sein Arbeitgeber speist ihn mit einer minimalen Entschädigung ab. Krank und verbittert kehrt Xu in sein Heimatdorf zurück.

Ohne seinen Job steht seine Familie vor dem Nichts. In seiner Verzweiflung bleibt Xu nur eine Telefonnummer in Hongkong, die ihm Freunde zugesteckt haben. Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein Mann mit dem Namen Han Dongfang. Für Xu ist er die Rettung.

Han Dongfang, ein hochgewachsener Mann mit freundlichem Lachen, ist der bekannteste Gewerkschafter Chinas. 1994 hat er das „China Labour Bulletin“ gegründet – zunächst als Magazin für Arbeitsrechtsfragen. Mittlerweile ist daraus eine Organisation geworden, die chinesische Arbeiter berät und ihnen hilft, ihre Rechte einzuklagen. So wie im Falle des Wanderarbeiters Xu.

„Wir haben Xu und seinen Kollegen erst einmal einen Anwalt besorgt“, erinnert sich Han an diesen Fall vor drei Jahren. Mit seiner Hilfe begannen die Arbeiter, für ihre Rechte zu kämpfen. In China ein eher aussichtsloses Unterfangen, aber Han machte ihnen Mut: „Wer sein Recht bekommen will, muss lernen, seine Rechte zu nutzen.“

Han Dongfang weiß, wovon er spricht, wenn es um das mutige Eintreten für seine Rechte geht. 1989, als auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking die Studenten demonstrierten, wäre er fast so etwas wie der Lech Walesa von China geworden. Aber anders als der berühmte polnische Gewerkschaftsführer hat es Han am Ende doch nicht geschafft, die kommunistische Regierung in Peking in die Knie zu zwingen. Im Gegenteil. Die Studentenproteste wurden blutig niedergeschlagen, die Kommunistische Partei Chinas sitzt fest im Sattel, Han lebt im Hongkonger Exil.

Sein Büro befindet sich im achten Stock eines heruntergekommenen, grauen Geschäftshauses mitten in Hongkong. Der Direktor des „China Labour Bulletin“ sitzt in einem kleinen, schlichten Verschlag vor einem Flachbildschirm. An den Wänden hängen krakelige Kinderzeichnungen – Liebesgaben seines jüngsten Sohnes.

„Als wir vor fünf Jahren mit der Rechtsberatung anfingen, hatten wir weniger als zehn Fälle“, berichtet der 44-Jährige. Doch die Zahl derer, die sich mit ihrem Arbeitgeber anlegen, nimmt zu. Im vergangenen Jahr waren es 200, und in diesem Jahr könnten es 500 bis 1 000 werden.

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