Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“
Prada statt Politik

Chun Sue schreibt über ihr Leben – über Barbesuche und Markenklamotten, über Lust und Laster, über wechselnde Haarfarben und wechselnde Liebhaber. Sexy und aufreizend. Sie provoziert damit das prüde China. Teil zwölf der Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“.

PEKING. Ich nahm Zhao Ping mit zu mir nach Hause, wo er auf dem Balkon saß, Gitarre spielte und einige von den Liedern sang, die er geschrieben hatte. Ich holte uns ein Eis und fütterte uns, ein Löffel für ihn, ein Löffel für mich. Er sagte, meine Beine seien sexy. Sobald wir in meinem Zimmer waren, küsste er mich. Es schien mir wie selbstverständlich, mit ihm ins Bett zu gehen. Da ich ein halbes Jahr keine Liebe mehr gemacht hatte, tat er mir weh. Ich schrie, als er mich bestieg. Er kicherte nur. „Ach, ich dachte, du bist noch Jungfrau“, sagte er.

Es waren wohl Zeilen wie diese, die den staatlichen Zensoren missfielen. Und solche Passagen gibt es viele in „China Girl“ von Chun Sue. Als 17-Jährige hat sie diesen Roman geschrieben über Schulabbruch und Barbesuche, über Lust und Laster, über wechselnde Haarfarben und wechselnde Liebhaber. Innerhalb weniger Monate verkaufte sich „China Girl“ fast 100 000 Mal, bevor die Behörden beschlossen, dem Treiben ein Ende zu setzen. Das erste Werk der Chinesin kam auf den Index.

Chun Sue ist inzwischen 24, sie hat sechs Bücher geschrieben. Und sie liebt die Provokation bis heute – auch äußerlich: Stiefel, ein mit Kunstpelz besetztes Cape in Pinktönen und ein heller Lippenstift. So kommt sie zu einem Treffen in ein Pekinger Café. Die junge Frau will auffallen. Das gehört bei ihr zum Beruf, das hat sie bekannt und berühmt gemacht, ihr den Ruf einer Rebellin, einer Pop-Autorin verschafft.

In „China Girl“ reibt sich Chun Sue an den Konventionen der Volksrepublik. Ihre Figuren sind egoistisch und wollen sich nicht anpassen. Damit stehen sie – ebenso wie die Autorin – für eine ganze Generation von Großstädtern, denen das Weltbild der kommunistischen Partei zu eng ist, die sich mit ihrem Individualismus in China nicht wiederfinden.

Sie sind in den 80er-Jahren geboren und mit einem lang anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung groß geworden, der ihnen Mobiltelefone und tragbare Musikspieler bescherte. Anders als ihre Eltern lieben sie den westlichen Lebensstil mit Markenklamotten und McDonald's. Sie hören Rockmusik mit Texten über Rebellion und Wut, sie „chillen“ und „chatten“.

Doch zugleich haben sie als Oberschüler seitenweise Regeln auswendig lernen müssen. Wer sich die Haare färbte, musste sich vor Eltern wie Lehrern rechtfertigen. Für die Hauptfigur in Chun Sues erstem Roman sind diese Widersprüche unerträglich. Sie bricht immer wieder aus den vorgegebenen Bahnen aus. Letztlich kommt sie damit durch, doch sie handelt sich reichlich Ärger ein.

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