Handke, Grass und die Suhrkamp-Soap
Ein bewegtes Literaturjahr

Immer wenn über Bücher geredet wird, verkaufen sie sich am besten. Das funktioniert auch dann, wenn mehr über die Autoren geredet wird als über deren Produkte. Das Jahr 2006 hat das erneut unter Beweis gestellt.

HB FRANKFURT. Unbestrittener Höhepunkt war die Auseinandersetzung um Günter Grass: Sein spätes Eingeständnis, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, ist in dem Mitte August erschienenen autobiografischen Roman "Beim Häuten der Zwiebel" zwar nur eine Episode. Doch das Outing von Grass, von ihm selbst nur als "Makel" empfunden, entfachte weit über Deutschland hinaus eine Diskussion über den Nobelpreisträger. Schließlich galt er als das moralische Gewissen der Nation.

Für sein jahrzehntelanges Schweigen wurde Grass von den Feuilletons und auch vielen Autoren heftig kritisiert. Dem Buch kam das aber zu Gute - die Startauflage von 150 000 Exemplaren war in wenigen Tagen verkauft. Und seine treuen Leser erwiesen sich auch als Rückhalt für Grass. Bei öffentlichen Auftritten ließ der Autor sich feiern und ging zum Gegenangriff über. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (FAZ) warf er vor, ihn als Schriftsteller demontieren zu wollen. Die "FAZ" hatte Anfang August die Debatte um Grass' Kriegserinnerungen ins Rollen gebracht.

Zu den schärfsten Kritikern des Nobelpreisträgers gehörte Peter Handke, der Grass eine "Schande für das Schriftstellertum" nannte. Grass' spätes Geständnis sei nichts als "böser selbstgerechter Formalismus", urteilte Handke, der selbst im Frühjahr wegen seines Engagements für Serbien und seine Rede zum Begräbnis des ehemaligen Diktators Slobodan Milosevic heftig angegriffen worden war.

In der Folge kam es in Düsseldorf zum Streit, ob Handke wie geplant den renommierten Heinrich-Heine-Preis der Stadt im Mai erhalten darf. Der österreichische Schriftsteller verzichtete schließlich selbst - was wiederum Grass "völlig richtig" fand. "Ich lebe ungern damit, dass man Schriftstellern eine Art Geniebonus zuspricht, der ihnen dann erlaubt, den größten und gemeingefährlichsten Unsinn mitzumachen", sagte Grass der Wochenzeitung "Die Zeit" im Juni. Damals ahnte er wohl noch nichts vom Sturm, der über ihn selbst hereinbrechen sollte.

Schließlich gab es bei Suhrkamp, seit dem Tod von Übervater Siegfried Unseld vor vier Jahren und der Machtübernahme durch die attraktive Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz besonders im Blickpunkt, neue Folgen in der Seifenoper um den in der Frankfurter Lindenstraße ansässigen Verlag. Die Hamburger Unternehmer Claus Grossner und Ernst Barlach kauften sich über die Schweiz als Minderheitengesellschafter im Haus Suhrkamp ein, das trotz seiner eher bescheidenen wirtschaftlichen Bedeutung immer noch die Ikone der deutschen Nachkriegsliteratur ist. Über die Medien, von denen viele der eingeheirateten Verlagserbin schon lange nicht grün sind, warfen die Quereinsteiger der Witwe Missmanagement vor. Und Suhrkamp reagierte darauf - wie so oft in den vergangenen Jahren - alles andere als souverän.

Dabei gab es in literarischer Hinsicht bei Suhrkamp seit langer Zeit endlich mal wieder Grund zum Jubeln über einen Bestseller einer jungen deutschen Autorin: Der zur Frankfurter Buchmesse Anfang Oktober verliehene Deutsche Buchpreis für die junge Suhrkamp-Autorin Katharina Hacker machte deren Buch "Die Habenichtse" zu einem großen Verkaufserfolg. Was wiederum beweist, wie wichtig dieser erst zum zweiten Mal vergebene Preis fürs Marketing geworden ist. Das gilt auch für den im Frühjahr zur Leipziger Buchmesse vergebenen Preis, mit dem der Roman "Der Weltensammler" des Deutsch-Bulgaren Ilja Trojanow ausgezeichnet wurde.

Überhaupt ist der Erfolg der jüngeren deutschsprachigen Autoren die für die Branche wohl erfreulichste Entwicklung im bewegten Literaturjahr 2006. Daniel Kehlmanns Bildungsroman "Die Vermessung der Welt" steht nun seit einem Jahr schon auf den Bestseller-Listen ganz oben. Dorthin hat es auch die Biografie von Gerhard Schröder geschafft, der nur ein Jahr nach seinem Abschied aus dem Kanzleramt seine Memoiren vorlegte. Viele Kritiker waren sich einig, dass darin kaum Neues zu entdecken ist. Eine perfekt inszenierte Marketing-Kampagne mit dem "Medienkanzler", der vom Verlag Hoffmann und Campe angeblich eine Million Euro für sein Werk erhalten hat, war Ende Oktober dennoch Garant für einen reißenden Absatz in den Buchhandlungen.

Auf dem hart umkämpften Buchmarkt hat sich in diesem Jahr die wirtschaftliche Konzentration erneut beschleunigt: Die Buchhändler Hugendubel (München) und die Augsburger Verlagsgruppe Weltbild gründeten im August einen Handelsverbund und sind damit die neue Nummer eins in Deutschland. Der Umsatz in der Branche wird 2006 aber wahrscheinlich sogar rückläufig sein, wie der Hamburger Branchenexperte Boris Langendorf sagt. Auch ein hervorragendes Weihnachtsgeschäft könne das bisherige Minus kaum wettmachen. "Es fehlt doch der Harry Potter in diesem Jahr."

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