Hans-Ulrich Wehler
Ein aufgeklärter Patriotismus

Der Historiker Hans-Ulrich Wehler über die Identitäten der Deutschen und die Gefahr neuer Subkulturen.

Die deutsche Identität und die Frage, ob wir eine deutsche Leitkultur brauchen, lösen in jüngster Zeit intensive Debatten aus. Leider kommt es in der Auseinandersetzung darüber manchmal zur Vermischung der Begriffe Nationalismus und Patriotismus. Dabei muss man beide scharf auseinander halten: Im Gegensatz zum Patriotismus ist der Nationalismus eine gefährliche Vorstellung, die abgewirtschaftet hat.

In der Vorstellung, die wir uns vom Nationalismus machen, hat es in den letzten 20 Jahren einen Paradigmenwechsel gegeben. Die ältere Lehre beruhte darauf, dass seit der Völkerwanderung keimartig die Entwicklung zur Nation angelegt gewesen sei, sich allmählich entfaltet habe und im Nationalstaat zu voller Blüte gekommen sei. Bis in die achtziger Jahre hinein herrschte diese Denkfigur vor. Dem lag ein fast schon Marxsches Verständnis zu Grunde: Die Nation als Basis treibe allmählich ein Ideensystem hervor, das Nationalbewusstsein oder, in der Sprache der internationalen Geschichts- und Sozialwissenschaft heute: den Nationalismus.

Die neue Debatte seit den frühen achtziger Jahren wendet sich von dieser biologistischen Evolutionslehre scharf ab und betont, dass es sich bei Nationalismus und Nation um Phänomene der Neuzeit handelt, die höchstens 300 Jahre alt sind. Nachdem es jahrtausendelang Loyalitätsbindungen an den Familienclan, die Polis, den örtlichen Adligen oder die Heimatstadt gegeben hat, kommt es zu einer plötzlichen Änderung: Der Nationalismus entwickelt sich als Antwort auf eine Umbruchsituation, die Herrschaftssysteme erschüttert und Weltbilder erodieren lässt.

In der puritanischen Revolution wird erstmals die Vorstellung eines neuen auserwählten Volkes mit der britischen Insel als gelobtem Land und der historischen Mission formuliert, der Welt als Vorbild zu dienen. In den transatlantischen Kolonien wird dieses Gedankengut, das die ausgewanderten Puritaner mitgebracht haben, zu einem verbindlichen Konsens. Das gelobte Land ist der neue Kontinent, die Eingeborenen sind die Kinder des Satans, die man vernichten darf. Die vereinigten Kolonien verstehen sich als "the first new Nation". Und dieses puritanische Commonwealth formuliert für sich eine weltgeschichtliche Mission. Dort entsteht ein geistiges Klima, dessen Auswirkungen man heute noch in den Reden des jüngeren Bush verfolgen kann.

In Deutschland erleben wir als politische Erschütterung den Verfall der rund 1 700 Herrschaftsgebiete unter dem Andrang Napoleons. Auch wirtschaftlich verändert sich Grundlegendes. In dieser Situation ergreift eine Gruppe von Intellektuellen die neue säkulare Religion und verkündet sie den Deutschsprachigen. Diese frühe Nationalbewegung besteht aus nicht mehr als 1 000 bis 1 200 Intellektuellen. Nachdem die Adligen die Gefahr für ihre Privilegien erkannt haben, kommt es zu einer Repressionsphase; nach der gescheiterten Revolution von 1848 folgt eine zweite Welle der Unterdrückung. Das italienische Beispiel der nationalen Einigung zeigt aber, dass ein Erfolg möglich ist und inspiriert die deutsche Nationalbewegung neu.

Bismarck hat die Nationalliberalen von 1848 gehasst, aber er sagt schon 1858: "Preußische Politik kann man nur noch mit Hilfe der nationalen Bewegung machen." Erst nach dem Sieg über Frankreich 1871 beginnt in meinen Augen der wirkliche Prozess der Bildung einer kleindeutschen Nation. Man kann ihn juristisch, administrativ und in der Indoktrination bis hin zu den Lehrplänen der Schulen verfolgen.

Seite 1:

Ein aufgeklärter Patriotismus

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%