Heilige Kriege
Beten und dreinschlagen

Die ersten „Heiligen Kriege“ gab es schon vor unserer Zeitrechnung. Zum ersten Mal in der Geschichte war Religion der alleinige Grund für kriegerische Auseinandersetzungen. Auf einer außergewöhnlichen Tagung in der vergangenen Woche in München warfen Historiker einen Blick in die Vergangenheit. Dabei traten brisante Bezüge zur Gegenwart hervor.

MÜNCHEN. Wo der Heilige Krieg geboren wurde, machte der israelische Althistoriker Aharon Oppenheimer überzeugend klar: „Ausgegangen ist die Idee vom Judentum.“ Die jüdischen Aufstände gegen die Seleukiden-Herrschaft (167-160 v. Chr.) und das Römische Reich (66-70 und 132-35 n. Chr.) waren allein religiös bedingt und sind dadurch einzigartig in der Antike. Allen großen Juden-Aufständen gingen Versuche der Fremdherrscher voraus, die jüdische Religion zu beseitigen, zum Beispiel durch ein Beschneidungsverbot und die Umweihung des Jerusalemer Tempels. Offensichtlich schätzten der griechische Seleukiden-Herrscher Antiochus und die römischen Kaiser die Religion der Juden als gefährlich ein. Anderen Religionen begegneten sie tolerant.

Nicht nur der Grund des Krieges, auch die Kampfweise war neuartig: „Zum ersten Mal in der Weltgeschichte waren Menschen bereit zum Märtyrertod.“ Entsprechend erbarmungs- und bedingungslos wurden die Kriege geführt.

Dass auch der christliche Gott nicht nur einer des Friedens ist, beweist die europäische Geschichte. „Beten und dreinschlagen“ (Spruch auf einem frühneuzeitlichen Bild mit Rosenkranz und Schwert) war für viele Gläubige kein Widerspruch, sondern Leitmotiv und ist es bis heute.

„Heilige Kriege“ waren das Thema einer außergewöhnlichen Tagung des Historischen Kollegs und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in der vergangenen Woche in München. Dass Kriege sogar ohne den zornigen Gott einer Offenbarungsreligion heilig sein können, bilanzierte der Rechtshistoriker Dietmar Willoweit in seinem abschließenden Vortrag ebenso brillant wie brisant: „Der Heilige Krieg ist die furchtbare Konsequenz der Grundnormen einer Gesellschaft. Auch für die Menschenrechte zieht man in den Krieg.“

Was führt zur Heiligsprechung eines Krieges? Wenn Menschen massenhaft gewaltsam zu Tode kommen, erfährt die Religion fast zwangsläufig einen Bedeutungszuwachs. Auch in den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts versuchten Feldgeistliche, dem Tod in der Schlacht einen Sinn zu geben. „Doch wird dadurch nicht jeder Krieg heilig?“ wie Georg Schmidt aus Jena provokativ in den Raum warf.

Bis ins 18. Jahrhundert hinein, das zeigten mehrere Vorträge anschaulich in Wort und Bild, hielten die Kämpfer selbst und auch die Interpreten des Kampfes ein Einwirken der Götter auf die Schlacht für selbstverständlich. Die Römer führten keinen Krieg ohne den vorhergegangenen Versuch, die zahlreichen eigenen Götter und vor allem die des Feindes durch Opfer und Versprechen („Vota“) gnädig zu stimmen. Auch Kaiser Konstantins Annahme des christlichen Kreuzes als Feldzeichen vor der Schlacht an der Milvischen Brücke (312) wurzelte, wie der Kölner Althistoriker Werner Eck berichtete, in dieser polytheistischen Vorstellung göttlicher Mitkämpfer.

Das Beten vor dem Dreinschlagen zieht sich durch die gesamte Kriegsgeschichte. Die Rosenkranz-Gebete der Bevölkerung um den Beistand der heiligen Maria (die mit ihren Tränen bei Gott Gnade für die Christen erwirkt habe) waren für den Prediger Abraham a Sancta Clara (1644-1709) genauso wirksam gegen die heidnischen Türken wie die Geschosse der Soldaten des Prinzen Eugen beim Sieg von Zenta (1697).

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